Text-Nummer: 0153

Schaltung am: 21.11.96
Rubrik(en): Politik
Umfang des Textes in Zeichen: 2136
Verfasser(in): Marie-Louise Beck
Originaltitel: Todesbann
Copyright: Marie-Louise Beck

Marie-Louise Beck

Todesbann

Der Bann, der von iranischen Religionsführern über den Schriftsteller Salman Rushdie verhängt wurde, droht nun auch Personen, die auf einem ganz anderem Feld als dem der Literatur den Iran "beleidigt" haben. Nun werden nicht nur für "Satanische Verse" Morddrohungen ausgesprochen, sondern auch für angeblich satanische Verurteilungen. Konnte die Politik sich bisher diplomatisch zurückhalten, weil ein Künstler Zielscheibe religiöser Verfolgung wurde, so steht diese Haltung nun auf dem Prüfstein. Die gegen die drei am Mykonos-Prozeß in Berlin beteiligten Bundesanwälte gerichteten Drohungen zeigen deutlich, daß die Warnung von Künstlern berechtigt war: Glaubt nicht, daß die religiöse Verfolgung sich auf den Bereich der Kunst beschränken wird. Bisher meinte die Politik, einen betroffenen Literaten zugunsten des "kritischen Dialogs" mit dem Iran dessen Schicksal überlassen zu dürfen. Nund spricht Bundesaußenminister Kinkel statt von "kritischem Dialog" von "aktiver Einwirkung". Wie weit darf das religiöse Wertedenken eines Kulturkreises expandieren, mit welchen Mitteln darf es in fremden Ländern durchgesetzt werden? Nicht nur der Außenminister wird hier weniger verschwommen Position zu beziehen haben. Zur Debatte steht die Konfrontation zweier Kulturen und die Frage, wie sich eine Gesellschaft schützt, zu deren kultureller Identität die Anerkennung der Gewaltenteilung gehört, ohne ihrerseits eine Gesellschaft zu verteufeln, deren religiöse Staatsverfassung die Ausübung von Gewalt radikal anders definiert. Ohne Zweifel gilt es, in dieser Debatte buchstäblich "Grenzen zu ziehen". Politisches Handeln hat ihr zu folgen. Denn nicht erst seit den jüngsten Drohungen aus dem Iran geht es darum, kulturelle Identität zu schützen. Es wird in Zukunft schwerfallen und noch mancher diplomatischer Schlinderpartien auf dem glatten Parkett der zwischenstaatlichen Beziehungen bedürfen, um die Art, in der sich ein Religionsstaat fortschreitend selbst ausgrenzt, als Gefahr der Isolierung durch die Staatengemeinschaft auszugeben, für die die Gewaltenteilung einen unhintergehbaren Wert darstellt.


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