Text-Nummer: 0159

Schaltung am: 04.12.96
Rubrik(en): Politik
Umfang des Textes in Zeichen: 2064
Verfasser(in): Thomas Leitner
Originaltitel: Umzugsquerelen
Copyright: Thomas Leitner

Thomas Leitner

Umzugsquerelen

Was Umzüge angeht, so ist es verständlich, daß die Betroffenen irgendwann zu quengeln anfangen. Vor allem jene nörgeln, die ihn eigentlich gar nicht wollten. Und auch den anderen finden sich in ihrer Gemütlichkeit durch die erforderlichen Schritte gestört. Verständlich auch, daß manche das Unvermeidliche hinauszögern wollen und sich dazu immer neue Begründungen ausdenken.
Eigentlich fühlen sich die Bonner Politiker in ihrem provinziellen Domizil ganz wohl. Erneut zeigen sich die Parteien in Bonn über den Termin des Umzuges nach Berlin zerstritten. Das Schreckgespenst des "Provisoriums" wird beschworen und das der "Arbeitsunfähigkeit" des Parlaments dazu.
Manche haben immer noch nicht mitbekommen, daß Berlin noch für Jahre ein Provisorium bleiben wird - die wirtschaftliche Lage im Osten der Republik garantiert dies. Manchen schwant, daß es in Berlin mit der rheinischen Behaglichkeit ein Ende haben wird, weil in der Hauptstadt Knochenarbeit auf sie zukommt. Nun könnte man sich auf den Standpunkt stellen: Laßt sie zetern und zagen, der Umzug ist unausweichlich, er wird stattfinden, wann auch immer. Doch die in den neuen Bundesländern zu lösenden politischen Aufgaben erfordern einen anderen Standpunkt: Macht ihnen endlich Beine, damit sie sich vor Ort mit den Problemen beschäftigen können, die ihnen einen Eindruck darüber vermitteln, was politische Arbeit heute bedeutet. Es kann nicht angehen, daß die Letzten sich erst aufrappeln, wenn die politische Idylle auch in Berlin Raum gegriffen hat. Denn es gilt jetzt einen politischen und wirtschaftlichen Raum zu erspüren, dessen mehr als provisorische Struktur, dessen desolate Struktur sich zu keinem geringen Teil einer Unfähigkeit zu angemessener Arbeit verdankt, die sich in Bonn aussitzt, statt sich den neuen Herausforderungen auszusetzen. In der Bilanz politischer Arbeitszeit und Leistung bilden die Umzugsquerelen der Parteien inzwischen einen ziemlich ärgerlichen Posten. Für die Verwandlung von Palaver in parlamentarische Arbeit gilt es, ihn zu tilgen.


This text is a Ragman's Rake document. (c) 1996 by the Author or/and by Ragman's Rake. Email: [email protected]