Thomas Leitner
Umzugsquerelen
Was Umzüge angeht, so ist es verständlich,
daß die Betroffenen irgendwann zu quengeln anfangen.
Vor allem jene nörgeln, die ihn eigentlich gar
nicht wollten. Und auch den anderen finden sich in
ihrer Gemütlichkeit durch die erforderlichen Schritte
gestört. Verständlich auch, daß manche
das Unvermeidliche hinauszögern wollen und sich
dazu immer neue Begründungen ausdenken.
Eigentlich fühlen sich die Bonner Politiker in
ihrem provinziellen Domizil ganz wohl. Erneut zeigen
sich die Parteien in Bonn über den Termin des
Umzuges nach Berlin zerstritten. Das Schreckgespenst
des "Provisoriums" wird beschworen und das
der "Arbeitsunfähigkeit" des Parlaments
dazu.
Manche haben immer noch nicht mitbekommen, daß
Berlin noch für Jahre ein Provisorium bleiben
wird - die wirtschaftliche Lage im Osten der Republik
garantiert dies. Manchen schwant, daß es in Berlin
mit der rheinischen Behaglichkeit ein Ende haben wird,
weil in der Hauptstadt Knochenarbeit auf sie zukommt.
Nun könnte man sich auf den Standpunkt stellen:
Laßt sie zetern und zagen, der Umzug ist unausweichlich,
er wird stattfinden, wann auch immer. Doch die in den
neuen Bundesländern zu lösenden politischen
Aufgaben erfordern einen anderen Standpunkt: Macht
ihnen endlich Beine, damit sie sich vor Ort mit den
Problemen beschäftigen können, die ihnen
einen Eindruck darüber vermitteln, was politische
Arbeit heute bedeutet. Es kann nicht angehen, daß
die Letzten sich erst aufrappeln, wenn die politische
Idylle auch in Berlin Raum gegriffen hat. Denn es gilt
jetzt einen politischen und wirtschaftlichen Raum zu
erspüren, dessen mehr als provisorische Struktur,
dessen desolate Struktur sich zu keinem geringen Teil
einer Unfähigkeit zu angemessener Arbeit verdankt,
die sich in Bonn aussitzt, statt sich den neuen Herausforderungen
auszusetzen. In der Bilanz politischer Arbeitszeit
und Leistung bilden die Umzugsquerelen der Parteien
inzwischen einen ziemlich ärgerlichen Posten.
Für die Verwandlung von Palaver in parlamentarische
Arbeit gilt es, ihn zu tilgen.