Marie-Louise Beck
Demontage einer Politikerin
Politiker und Politikerinnen stehen im Rampenlicht der
Öffentlichkeit. Das ist gut so. Für ihre
exponierte Rolle (und auch die damit verbundenen Privilegien)
zahlen sie den Preis, dauernd von allen Seiten beleuchtet
zu werden, keinen Schritt ohne öffentliche Kontrolle
tun zu können. Es ist dies ein wichtiges Gegengewicht
zu den Verführungen der Macht. Das Licht der Medien,
daß zu ihrer Ausübung gerne gesucht wird,
ist manchmal auch grell: Es zeigt die ungeschminkte
Wahrheit jener, die durch welchen Fehltritt auch immer
die Maske fallen lassen.
Manchmal blendet dieses Licht aber auch die Zuschauenden.
Und es überblendet - immer noch unter dem Etikett
der "Aufklärung" - die journalistische
Aufgabe der Information mit der Rancune der Bloßstellung.
Und weil jedes Kind weiß, daß der Kaiser
eigentlich nackt ist, besteht die eigentliche Sensation
plötzlich darin, ihn in Kleider zu stecken, über
die man die Nase rümpfen kann.
Solcher Verhüllungsjournalismus ist zur Zeit im
Fall der Wege und vermeintlichen Abwege der Bundestagspräsidentin
zu beobachten. An die Stelle hartnäckiger Nachfragen
tritt immer öfter die hämische Unterstellung,
mit der in eine Kerbe gehauen wird, von der noch niemand
weiß, ob es eine ist. (Außer dem Bund der
Steuerzahler, vielleicht.) Nicht nur wird der Grundsatz
außer Kraft gesetzt, daß jeder - ohne Ansehen
der Person - als unschuldig zu gelten hat, bis das
Gegenteil erwiesen ist. Es wird auch jede noch so kleine
Spur verfolgt, so abwegig sie auch sein mag, die aus
der Unterstellung schon vorab im Lichte der Öffentlichkeit
eine Gewißheit macht. Nun hat ein findiger Journalist
bemerkt, daß Rita Süssmuth die Karten, mit
denen sie Weihnachtswünsche verschickt, aus der
Schweiz bezieht - "Made in Switzerland".
Nun sind also alle Unklarheiten beseitigt. Denn selbstverständlich
hat Frau Süssmuth diese Karten bei einem ihrer
abwegigen Besuche in der Schweiz selbst eingekauft.
Was als Glosse angesehen werden könnte, das ist
keine. Hier zeigt sich vielmehr ein Symptom: Wenn alle
zutreten, egal ob einer zu Boden geworfen wurde oder
selbst strauchelte, dann traut sich auch der Kleinste
zu, schnell noch einen Klapps loszuwerden. Er kann
sich der Claqueure sicher sein. Und stolz zeigt er
seine Tat, plötzlich ganz groß, der ganzen
Welt. So schreitet die Demontage einer Politikerin
fort und die Zuschauerin fragt sich, wie es in ähnlichem
Fall wohl denen gehen wird, die nicht im Licht der
Öffentlichkeit stehen - und deshalb auch eine
Chance haben, sich zu wehren.