Text-Nummer: 0166

Schaltung am: 08.01.97
Rubrik(en): Politik, Kultur
Umfang des Textes in Zeichen: 2555
Verfasser(in): Marie-Louise Beck
Originaltitel: Demontage einer Politikerin
Copyright: Marie-Louise Beck

Marie-Louise Beck

Demontage einer Politikerin

Politiker und Politikerinnen stehen im Rampenlicht der Öffentlichkeit. Das ist gut so. Für ihre exponierte Rolle (und auch die damit verbundenen Privilegien) zahlen sie den Preis, dauernd von allen Seiten beleuchtet zu werden, keinen Schritt ohne öffentliche Kontrolle tun zu können. Es ist dies ein wichtiges Gegengewicht zu den Verführungen der Macht. Das Licht der Medien, daß zu ihrer Ausübung gerne gesucht wird, ist manchmal auch grell: Es zeigt die ungeschminkte Wahrheit jener, die durch welchen Fehltritt auch immer die Maske fallen lassen.
Manchmal blendet dieses Licht aber auch die Zuschauenden. Und es überblendet - immer noch unter dem Etikett der "Aufklärung" - die journalistische Aufgabe der Information mit der Rancune der Bloßstellung. Und weil jedes Kind weiß, daß der Kaiser eigentlich nackt ist, besteht die eigentliche Sensation plötzlich darin, ihn in Kleider zu stecken, über die man die Nase rümpfen kann.
Solcher Verhüllungsjournalismus ist zur Zeit im Fall der Wege und vermeintlichen Abwege der Bundestagspräsidentin zu beobachten. An die Stelle hartnäckiger Nachfragen tritt immer öfter die hämische Unterstellung, mit der in eine Kerbe gehauen wird, von der noch niemand weiß, ob es eine ist. (Außer dem Bund der Steuerzahler, vielleicht.) Nicht nur wird der Grundsatz außer Kraft gesetzt, daß jeder - ohne Ansehen der Person - als unschuldig zu gelten hat, bis das Gegenteil erwiesen ist. Es wird auch jede noch so kleine Spur verfolgt, so abwegig sie auch sein mag, die aus der Unterstellung schon vorab im Lichte der Öffentlichkeit eine Gewißheit macht. Nun hat ein findiger Journalist bemerkt, daß Rita Süssmuth die Karten, mit denen sie Weihnachtswünsche verschickt, aus der Schweiz bezieht - "Made in Switzerland". Nun sind also alle Unklarheiten beseitigt. Denn selbstverständlich hat Frau Süssmuth diese Karten bei einem ihrer abwegigen Besuche in der Schweiz selbst eingekauft.
Was als Glosse angesehen werden könnte, das ist keine. Hier zeigt sich vielmehr ein Symptom: Wenn alle zutreten, egal ob einer zu Boden geworfen wurde oder selbst strauchelte, dann traut sich auch der Kleinste zu, schnell noch einen Klapps loszuwerden. Er kann sich der Claqueure sicher sein. Und stolz zeigt er seine Tat, plötzlich ganz groß, der ganzen Welt. So schreitet die Demontage einer Politikerin fort und die Zuschauerin fragt sich, wie es in ähnlichem Fall wohl denen gehen wird, die nicht im Licht der Öffentlichkeit stehen - und deshalb auch eine Chance haben, sich zu wehren.


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