Lutz Meiser
Kohls Holocaust?
Die Frage der Vergleichbarkeit des Holocaust, der Vernichtung
von Juden in den KZs des NS-Deutschland, mit anderen
Pogromen, befördert nicht nur zwischen Historikern
einen immerwährend schwelenden Streit. Auch der
Vergleich zwischen anderen staatsterroristischen Maßnahmen
wird immer dann beeinflußt, wenn der Holocaust
ins Spiel kommt. Die Verfolgung von Religionsgemeinschaften
im Namen der eigenen Kultur war und ist kein einmaliger
Akt in der Geschichte, ganz davon abgesehen, daß
die Judenverfolgung im 3. Reich durch Anbindung an
Rasseideologien keinen einfachen Hakenkreuzzug gegen
eine fremde Religion darstellt. Über die Berechtigung,
gegen die Religion "Scientology" und vor
allem ihre rituellen Praktiken zu Felde zu ziehen,
kann gestritten werden; ebenso über die Berechtigung,
solche Feldzüge zu kritisieren, wie es jene amerikanischen
Prominenten in einem offenen Brief an Bundeskanzler
Kohl taten. Der Stil allerdings, in dem letzteres geschieht,
macht nachdenklich. Aus europäischer Perspektive
fällt es nicht leicht, den Nazi-Vergleich einfach
nur als Ausdruck einer vermeintlich grassierenden Oberflächlichkeit
historischen Denkens im amerikanischen Bewußtsein
der Gegenwart abzutun. Man darf jenen 33 Unterzeichnern,
die gegen die deutsche Politik in Sachen Scientology
protestieren, keine politische Naivität unterstellen.
Der Vergleich ist nicht unterlaufen, er ist Kalkül.
Und das macht den offenen Brief zu einem der größten
Ärgernisse im Verhältnis der deutsch-amerikanischen
Nachkriegsgeschichte. Hier wird wider besseres Wissen
eine Kontinuität jener Politik (nicht Mentalität)
unterstellt, die den Holocaust möglich gemacht
hat. Ist ist hohe Zeit, daß Fragen des Verhältnisses
von Staat und Kirche in dem Kontext erörtert werden,
der ihm gegenwärtig angemessen ist. Unangemessene
Vergleiche sind - bei aller Fragwürdigkeit, die
darin liegt, Scientology ihren Religions-Status zu
bestreiten - nicht nur schädlich und verhärten
die Fronten, sie bewirken auch einen Abzug des Interesses
von der Sache, um die es geht. Denn weder das Auftreten
von Scientology in Deutschland, noch die politische
Reaktion darauf, noch die Kritik an dieser ist eine
reine Stilfrage. Wenn es um Diskriminierung, Denunziation
und demagogischer Diskreditierung von Gegnern geht,
dann kann auf Beweise für antidemokratische Tendenzen
verzichtet werden. Wer im Rahmen demokratischer Prinzipien
streitet, der hat solche Beweise auf den Tisch zu legen.
Das gilt sowohl für die deutsche Politik gegenüber
Scientology als auch für die amerikanische Kritik
gegenüber dem, was Kohl für sie verkörpert.
Der Demagogie macht sich jener verdächtig, der
solche Beweise nicht erbringt.
Ein erster Schritt wird es sein, zwischen religiösen
und kriminellen Handlungen zu unterscheiden. Fragwürdig
wird die Verfolgung einer Glaubensgemeinschaft erst,
wenn nicht bewiesen werden kann, daß unter dem
Deckmantel der Religion kriminelle Aktivitäten
entfaltet werden. Dies werden auch die Unterzeichner
des offenen Briefes an Kohl nachvollziehen können.
Denn an Clinton hat es einen solchen selbst da nicht
gegeben, als die Davidaner-Sekte in einem Feuersturm
unterging.
Wer an die Macht des Geldes "glaubt" ist nicht
von vornherein kriminell. Aber auch wer tatsächlicher
Kriminalität Einhalt gebieten will, der ist nicht
automatisch ein Verfechter der NS-Ideologie. Wer also
der Inflationierung der Unterstellungen begegnen will,
der muß Fakten und Kriterien auf den Tisch legen
und diese in einer für die amerikanische und deutsche
Öffentlichkeit nachvollziehbaren Weise belegen.
Aufgabe der Medien ist es, dies zu unterstützen
- auch wenn die kurze, griffige Unterstellung einen
größeren Sensationswert hat. Denn die Mißtöne
im gegenwärtigen deutsch-amerikanischen Verhältnis
nicht nur der Politik, sondern auch der privaten Meinungen,
verdanken sich nicht der Tatsache, daß man sich
nicht verstünde. Sie verdanken sich der Tatsache,
daß man zu schnell versteht.