Wolfgang Merkel
Virus mit Lizenz zum Töten von Wildkaninchen
Virus könnte auch anderen Arten gefährlich werden / Kaninchen entwickeln Resistenzen
Australische Farmer freuen sich über das Massensterben
der Wildkaninchen. Das ist durchaus verständlich,
schließlich sind die putzigen Tierchen mit den
langen Löffeln und großen Kulleraugen eine
Landplage und werden für den Kahlfraß bei
Nutz- und Wildpflanzen verantwortlich gemacht. Begonnen
hatte alles bereits 1788. Damals brachten neu ankommende
Siedler einige Tiere nach Australien, und einige von
ihnen entwichen schließlich aus den Ställen.
Durch die gute Nahrungsgrundlage, das weitgehende Fehlen
von natürlichen Feinden und die Anpassungsfähigkeit
vermehrten sich die "Einwanderer" buchstäblich
wie die Karnickel - sehr zum Verdruß der Schaf-
und Rinderzüchter.
Das Massensterben, das nun stattfindet, ist kein schicksalhafter
Schlag der Natur gegen die Mümmelmänner:
Zoologen eines offiziellen Institutes mit dem sinnigen
Namen Australisches Tiergesundheits-Labor (Australian
Animal Health Laboratory) züchteten ein Virus,
das für die Tiere gleichermaßen anstekkend
wie tödlich ist. Sein Name, RHD-Virus, steht für
die Krankheit, die es auslöst: Rabbit Hemorrhagic
Disease, eine fieberhafte, mit Blutungen einhergehende
Infektionskrankheit bei Kaninchen. Sie rafft die Tiere
innerhalb von ein bis drei Tagen durch Gelbsucht, Herz-
und Lungenversagen dahin. Das Virus wurde 1984 in China
entdeckt, seit 1986 ist es aber auch andernorts heimisch.
"Auch in Westeuropa hat es unter Wildkaninchen
schon RHD-Epidemien gegeben. Aber die RHD-Stämme
hier sind weniger aggressiv", erläutert Dr.
Kai Frölich vom Berliner Institut für Zoo-
und Wildtierforschung. Die australischen Wissenschaftler
pickten sich jedoch einen besonders ansteckenden Stamm
heraus und testeten ihn zunächst im Labor auf
seine Wirksamkeit. Danach brachten sie ihn auf dem
streng abgeschirmten Wardang Island vor der australischen
Südküste ins Freilandlabor. Nach Plan sollte
das Killervirus im Frühjahr 1997 ausgesetzt werden
- vorausgesetzt, daß es andere Tierarten nicht
befallen würde. Doch mit der Abschirmung klappte
es nicht wie beabsichtigt. Im Oktober 1995 kam es zum
Outbreak. Vermutlich huckepack auf Insekten wanderten
die Viren aus, verbreiteten sich auf dem Festland und
begannen höchst erfolgreich ihren Vernichtungsfeldzug.
Einige Farmer unterstützten ihn nach Kräften.
Sie sammelten erkrankte, aber noch lebende Tiere ein
und transportierten sie in Gebiete, in denen die Epidemie
noch nicht ausgebrochen war: Die kranken Kaninchen
sollten ihre gesunden Artgenossen anstecken. Durch
den Ausbruch des Virus kam das Australian Animal Health
Laboratory in Zugzwang. Um den Erfolg der Aktion mit
einem konzentrierten Schlag zu sichern, entschieden
sich die Tiermediziner und Virologen, das Virus schon
im Herbst 1996 gezielt auszubringen. Ab Oktober verteilten
sie die Organismen an 181 strategisch günstigen
Orten im Süden des Kontinentes.
Für Landwirtschaftsminister John Anderson ist das
Unternehmen ein Erfolg: Die Daten von zehn Beobachtungsstationen
zeigen, daß die Kaninchen-Population innerhalb
von sechs bis acht Wochen zu 80 bis 95 Prozent reduziert
wird. Das freut die Wolle und Fleisch produzierenden
Farmer, für deren Schafe nun mehr zum Fressen
übrigbleibt. Aber auch aus ökologischen Gründen
sei der Anschlag mit der biologischen Waffe zu begrüßen,
meint zumindest Anderson: Ohne das intensive Grasen
der Wildkaninchen kommt es in Naturschutzgebieten zur
Regeneration von wichtigen ganzjährigen Pflanzen.
So könne einem Artenverlust vorgebeugt werden.
Ausserdem werde der Boden ohne den Kahlfraß an
vielen Stellen vor Erosion bewahrt. Versuche im Coorong
Nationalpark im Bundesstaat Südaustralien scheinen
dies zu belegen. Der Viren-Feldzug gegen die fruchtbaren
und hungrigen Kaninchen könnte den Kontinent tatsächlich
in weiten Teilen wieder begrünen. In eingezäunten,
kaninchenfreien Zonen sprießt üppiges Grün
- von Gräsern über Buschwerk bis hin zu Bäumen.
Pflanzen, die seit Jahrzehnten keine Chance zum Wachsen
hatten, sprießen wieder. Jenseits des Zaunes
dagegen: kahle Steppe.
Von der Kaninchensicht einmal abgesehen ein voller Erfolg
also? Die Freude über das Karnickelsterben wird
nicht von allen Australiern geteilt. Naturschützer
zweifeln, ob das Virus tatsächlich nicht auch
einheimische Tierarten dahinraffen könnte. Zwar
haben die staatlichen Labors 28 einheimische Wirbeltierarten
auf ihre Anfälligkeit für RHD getestet. Diagnose:
keine Gefährdung, weder für Tiere, noch für
Menschen, versichern die Behörden. Aber ganz sicher
scheinen sie sich nicht zu sein. Wie Bob Phelps von
der australischen Umweltstiftung ACF dem ARD-Wissenschaftsmagazin
'Globus' sagte, haben die Behörden nach dem Ausbruch
gleich drei neue Untersuchungen gestartet. Diese sollten
sicherstellen, ob das Virus tatsächlich nur die
Kaninchen infiziert. Auch hierzulande gibt es Wissenschaftler,
die von dieser Art von "Schädlingsbekämpfung"
nicht viel halten. "Solche Viren variieren ihr
Erbgut. Sie können sich unter Umständen auch
an andere Tierarten anpassen und bei diesen eine Krankheit
auslösen", urteilt der Berliner Tierarzt
und Biologe Frölich. Solche Bedenken hat auch
der Virologe Alvin Smith von der Oregon State University
in den USA - ein ausgewiesener Experte für das
RHD-Virus. Er beschuldigt die australischen Behörden,
den Erreger ausgesetzt zu haben, bevor man ihn richtig
verstanden habe. In Interviews, Briefen an die Verantwortlichen,
Pressemitteilungen und im Internet warnt Smith: Die
australische Regierung spielt mit Dynamit.
Die unerwünschten Nebenwirkungen für die einheimische
Tierwelt wiegen um so schwerer, als unklar ist, wie
lange der gewünschte Effekt gegen die Einwanderer
überhaupt anhalten wird. Denn die Wildkaninchen
entwickeln eine Immunität gegen das Virus, und
bisweilen findet man auch Tiere mit angeborener Viren-Resistenz.
Solche Kaninchen könnten sich dann ungehindert
vermehren und durchsetzen. Bereits um 1950 hatte man
so etwas in Australien beobachtet. Damals versuchte
man, Karnickel mit dem Myxomatose-Virus zu bekämpfen.
"Aber der tödliche Charakter des Virus ließ
irgendwann nach und die Kaninchen haben sich daraufhin
von der Dezimierung wieder erholt, erläutert Kai
Frölich. Der Wildtier-Experte sieht zwar die Vorteile
für die Farmer und die Vegetation, "aber
die Risiken überwiegen und in zehn Jahren steht
man möglicherweise wieder vor demselben Problem."
Mittlerweile ist das Virus mit der Lizenz zum Töten
nicht mehr aufzuhalten. Sollte die Infektion tatsächlich
auch andere Tiere befallen, so droht der einheimischen
Fauna eine kaum abzuschätzende Gefahr. Und andere
Kontinente liegen keineswegs so weit abseits wie es
Landkarten glauben machen. Mit modernen Verkehrsmitteln
könnte der ansteckende RHD-Stamm durchaus den
Weg nach Asien und Europa finden und dort sein tödliches
Werk fortsetzen.