Ulrich Kerner
Arbeit und Muße
Die Sozialversicherungsbeiträge, so prognostiziert
das Institut der Deutschen Wirtschaft, werden ohne
einschneidende Reform des Sozialversicherungssystems
auf über 60 Prozent steigen. Daß dies sowohl
für Arbeitnehmer als auch für Arbeitgeber
unakzeptabel wäre, liegt auf der Hand. Der Aufschub
eines mußevollen Nießbrauchs der erarbeiteten
Mittel in eine unsichere Zukunft, immer größerer
Verzicht auf jenes Mehr im Arbeitslohn, das nicht der
unmittelbaren Existenzsicherung und Reproduktion der
Arbeitskraft dient kann nicht mehr hingenommen werden.
Die Infragestellung der staatlichen "Vollversorgung"
und die Begrenzung der Leistungen von Sozialsystemen
auf "wirkliche soziale Probleme", die manche
betreiben und fordern, verschieben das Problem indes
nur: An die Stelle der progressiv steigenden Abschöpfung
des "Mehr" durch staatliche Leistungsträger
tritt die noch risikoreichere Anlageplanung des Einzelnen.
Private Vorsorge für das Alter treffen zu müssen,
wird viele überfordern. Vor Marktveränderungen
und damit einhergehenden Angriffen auf individuelle
Lebensplanung ist niemand gefeit: Die gegenwärtigen
Pläne zur Versteuerung von Kapitallebensversicherungen
belegen dies eindringlich. Und wer selbst versucht,
sich ein Bild davon zu verschaffen, welche Anlagestrategie
zur Sicherung des Lebensstandards im Alter so risikolos
wie möglich ist - denn wer Alterssicherheit planen
will, ist nicht in erster Linie Spekulant - der wird
trotz intensiver Recherche enttäuscht werden:
Private Altersvorsorge ist ohne Risiken nicht zu betreiben.
Zudem aber wird durch die Privatisierung der Alterssicherung
der Aufwand für jene, die ihn nicht von vornherein
verweigern, erheblich: Informationen über Anlagemöglichkeiten
und die Beobachtung des Versicherungsmarktes sind Arbeit.
Und diese Arbeit hat in den Mußestunden stattzufinden,
die einem Arbeitnehmer bleiben, nachdem er seine eigentliche
Arbeit eigentlich erbracht hat. Natürlich kann
man solche Arbeit auch delegieren - so wie manche heute
die Arbeit der Anfertigung einer Steuererklärung
delegieren - doch wer bezahlt dafür? Geht es also
darum, Aufwände zu bilanzieren, die in Zukunft
zur sozialen Sicherung notwendig werden, so gibt es
eine ganze Reihe von Posten, die bei der gegenwärtigen
Diskussion einfach unter den Tisch fallen. Auf diese
Weise werden Mußezeiten von Arbeitnehmern schleichend
mehr und mehr der Arbeitszeit zugeschlagen, und zwar
in Form von "Überstunden", für
die es keinerlei Entgeld gibt. Von Arbeitnehmern "Nachsitzen"
zu fordern wenn es um die Verwaltung des Geldes geht,
das Ihnen schon nicht mehr gehört, wird zur Selbstverständlichkeit.
Nun sollen sie also auch über den Aufschub ihrer
Mußezeit in die Zukunft noch selbst Buch führen.
In der Tat ist eine grundsätzliche Reform geboten.
Doch diese hätte an einer ganz anderen Stelle
anzusetzen. An der Frage nämlich, wer sich angesichts
der notwendigen und geforderten Arbeit eine sichere
Zukunft überhaupt noch leisten kann.