Carsten Wilp
Des Kaisers neue Kleider
Daß ein Fußballclub, eine Mannschaft und
ein Trainer nicht >>harmonieren<< das ist
nicht das Bemerkenswerte; es geschieht immer wieder.
Bemerkenswert ist, daß Fußball kein Spiel
mehr sein soll. Zufall und Notwendigkeit, Glück
und Unglück, Stärken und Schwächen,
Geschicktheit und Mißgeschick, kurz: alles das,
was das Spiel von einem kalkulierbaren und berechenbaren
langweiligen Geschäft unterscheidet, scheint unerwünscht.
Doch was zählt der Erfolg, wenn das Spiel auf
der Strecke bleibt? Jeder weiß es, seit Zuschauer
mit den aberwitzigsten Statistiken genervt werden,
die der Sozialwissenschaft in ihrer Karikatur endlich
zum Sieg verhilft. Der Erfolg zählt, wie oft der
Kaiser das Gesicht verzogen hat, wie oft Steppi sein
Zigarillo ausgehen ließ, wie oft ein Scholl nicht
das Gegenteil von dem behauptet, was er ein paar Tage
zuvor nicht behauptet hat.
Nun wäre es naiv, die Zeiten der guten alten Sportschau
zurückzuwünschen, in denen das Geschehen
auf dem Rasen wichtiger schien, als die Sprüche
der Moderatoren, das Mi(e)nenspiel der Trainer und
Präsidenten, die belanglosen Interviews vor und
nach dem Spiel (und mittendrin) - und vor allem die
Werbespots. Es geht eben mittlerweile um ein anderes
Spiel. Denn mit Fußball kann man heute keinen
Staat mehr machen. Deshalb müssen sich Trainer
wie Rehagel, die noch glauben, es drehe sich um den
Ball, zum Narren machen und werden zum Narren gehalten.
Die neueste Variante dieses Spiels heißt: Des
Kaisers neue Kleider. Wir wollen die Rolle des naiven
Kindes spielen, das sagt, was ohnehin schon alle sehen:
Hier trägt einer seine Haut zu Markte. Die Meisterschaft:
Seine Kleinigkeit. Die Selbstentblößung:
Premiere. Und bei all dem der napoleonische Gestus,
mit dem sich einer nur selbst krönen zu können
meint: am besten ohne Spiel, ohne Mannschaft, ohne
Trainer.
Wie das Kind nehmen wir uns heraus, das ganze Tamtam
zu ignorieren, das gemacht wird, damit die Zuschauer
das Spiel vergessen, und vor Begeisterung trampeln,
wenn einer erklärt, was keiner gesehen hat. Wir
lassen uns nicht davon blenden, daß hier angeblich
einer die Verantwortung trägt oder tragen muß.
Wir lassen uns auch nicht von den angeblich verwöhnten
Ansprüchen am Hof Bayern Münchens blenden.
Wir wollen keine witzlosen Kommentare anstelle des
Spielwitzes und wir wollen nicht dauernd auf der Kalauer
liegen müssen, weil der Ball nun einmal nicht
anders als rund ist. Wir wollen Spielzüge sehen
und keinen Kulissenzauber. Wir wollen Fehlpässe
sehen (auf der richtigen Seite, versteht sich) und
keine Klügeleien darüber hören, warum
ein Trainer den Laufpaß kriegt. Wir wollen Werner
Hansch und keine Hobbyaphoristiker, für die das
Prinzip Hoffnung etwas mit der Farbe des Rasens zu
tun hat. Wir wollen Tore sehen (egal) und keine törichten
Thronreden hören. Wir sind das Volk. Soll sich
der Kaiser doch ein anderes suchen. Und was will das
Volk? Fußball. Das Spiel.