Text-Nummer: 0025

Schaltung am: 01.06.1996
Rubrik(en): Sport
Umfang des Textes in Zeichen: 2939
Verfasser(in): Carsten Wilp
Geschrieben am:
Kürzel: CW
Originaltitel: Des Kaisers neue Kleider
Copyright: Carsten Wilp
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Carsten Wilp

Des Kaisers neue Kleider

Daß ein Fußballclub, eine Mannschaft und ein Trainer nicht >>harmonieren<< das ist nicht das Bemerkenswerte; es geschieht immer wieder. Bemerkenswert ist, daß Fußball kein Spiel mehr sein soll. Zufall und Notwendigkeit, Glück und Unglück, Stärken und Schwächen, Geschicktheit und Mißgeschick, kurz: alles das, was das Spiel von einem kalkulierbaren und berechenbaren langweiligen Geschäft unterscheidet, scheint unerwünscht. Doch was zählt der Erfolg, wenn das Spiel auf der Strecke bleibt? Jeder weiß es, seit Zuschauer mit den aberwitzigsten Statistiken genervt werden, die der Sozialwissenschaft in ihrer Karikatur endlich zum Sieg verhilft. Der Erfolg zählt, wie oft der Kaiser das Gesicht verzogen hat, wie oft Steppi sein Zigarillo ausgehen ließ, wie oft ein Scholl nicht das Gegenteil von dem behauptet, was er ein paar Tage zuvor nicht behauptet hat.
Nun wäre es naiv, die Zeiten der guten alten Sportschau zurückzuwünschen, in denen das Geschehen auf dem Rasen wichtiger schien, als die Sprüche der Moderatoren, das Mi(e)nenspiel der Trainer und Präsidenten, die belanglosen Interviews vor und nach dem Spiel (und mittendrin) - und vor allem die Werbespots. Es geht eben mittlerweile um ein anderes Spiel. Denn mit Fußball kann man heute keinen Staat mehr machen. Deshalb müssen sich Trainer wie Rehagel, die noch glauben, es drehe sich um den Ball, zum Narren machen und werden zum Narren gehalten.
Die neueste Variante dieses Spiels heißt: Des Kaisers neue Kleider. Wir wollen die Rolle des naiven Kindes spielen, das sagt, was ohnehin schon alle sehen: Hier trägt einer seine Haut zu Markte. Die Meisterschaft: Seine Kleinigkeit. Die Selbstentblößung: Premiere. Und bei all dem der napoleonische Gestus, mit dem sich einer nur selbst krönen zu können meint: am besten ohne Spiel, ohne Mannschaft, ohne Trainer.
Wie das Kind nehmen wir uns heraus, das ganze Tamtam zu ignorieren, das gemacht wird, damit die Zuschauer das Spiel vergessen, und vor Begeisterung trampeln, wenn einer erklärt, was keiner gesehen hat. Wir lassen uns nicht davon blenden, daß hier angeblich einer die Verantwortung trägt oder tragen muß. Wir lassen uns auch nicht von den angeblich verwöhnten Ansprüchen am Hof Bayern Münchens blenden. Wir wollen keine witzlosen Kommentare anstelle des Spielwitzes und wir wollen nicht dauernd auf der Kalauer liegen müssen, weil der Ball nun einmal nicht anders als rund ist. Wir wollen Spielzüge sehen und keinen Kulissenzauber. Wir wollen Fehlpässe sehen (auf der richtigen Seite, versteht sich) und keine Klügeleien darüber hören, warum ein Trainer den Laufpaß kriegt. Wir wollen Werner Hansch und keine Hobbyaphoristiker, für die das Prinzip Hoffnung etwas mit der Farbe des Rasens zu tun hat. Wir wollen Tore sehen (egal) und keine törichten Thronreden hören. Wir sind das Volk. Soll sich der Kaiser doch ein anderes suchen. Und was will das Volk? Fußball. Das Spiel.


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