Text-Nummer: 0030

Schaltung am: 01.06.1996
Rubrik(en): Sport
Umfang des Textes in Zeichen: 2589
Verfasser(in): Carsten Wilp
Geschrieben am: 17.05.1996
Kürzel: CW
Originaltitel: Sport und Gesellschaft
Copyright: Carsten Wilp
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Diskussion/Leserbriefe:

Carsten Wilp

Sport und Gesellschaft

Der Sport ist ein Spiegelbild der ganzen Gesellschaft? Es scheint so. Zumindest der Fußball wird zum Symbol der Welt im Kleinen. "Identifikation" lautet das Wort, das mehr und mehr Moderatoren in den Schatz ihrer spielübergreifenden Analysen aufgenommen haben. Auch ihnen aber scheint die Welt nur scheinbar wieder rund, nachdem sich mit dem FC Bayern München der "Meister der Verlierer" und mit Borussia Dortmund der "wahre" Deutsche Meister gefunden hat. Denn nun wendet sich die Aufmerksamkeit den kleinen Helden zu. Spieler von Hansa Rostock und dem FSV Zwickau werden zu "Hoffnungsträgern ganzer Regionen".
Zugleich rollen die Trainerköpfe weiter. Was geschieht? Die Jungs arbeiten und strampeln sich ab. In allen Vereinen. Da aber nur einige gewinnen können (wie im richtigen Leben) und einige verlieren müssen (dito), es aber eigentlich nicht dürfen können sollen, müssen dauernd "Verantwortliche" gemacht werden. Wer aber mag schon Hoffnungsträger verantwortlich machen? Zumal für die Tatsache, daß schon der Zweite ein Verlierer ist? Ganz oben mitzuspielen: Das wird als Hoffnung von Regionen gekennzeichnet.
"Identifikation" ist heute das Wort für die Überspielung der Hoffnungslosigkeit. Jetzt kennt es jeder. Und wie bei jeder Illusion müssen letztlich Köpfe rollen, damit sie aufrechterhalten werden kann. Jeder könnte ein Meister sein, wenn es nur den großen Mann gäbe, der richtig führte. Solche Zeiten treiben den sportpolitischen Napoleonismus hervor. Wie könnte sich triftiger die Auffassung bewahrheiten, daß sich die Geschichte, wenn sie sich wiederholt, dieses immer als Farce tut. Und weil nicht nur Otto der Große, auf dessen niederer Herkunft alle hämisch herumhacken, in solchen Zeiten ein "Emporkömmling" ist, sondern jeder Trainer, ob "Sir" oder Leiter eines "Freudenhauses", muß ja wohl einer versuchen, sich und dem Spiel die Krone selbst aufzusetzen. Wenn also das Gerede von der "Identifikation" und den "Hoffnungsträgern von Regionen" Schule macht, dann wird sich wohl auch bald im "richtigen Leben" wieder jemand selbst als Kaiser proklamieren. Gut, daß es die Jungs aus dem Ruhrgebiet gibt, könnte man meinen. Allerdings nur, bis irgendein findiger Moderator darauf stoßen wird, daß das ganze Fußballspiel nur noch aus "Söldnertruppen" besteht. Und niemand sollte sich darüber beklagen, daß "Putsch" und "Handstreich" dann auf der Tagesordnung stehen. Wer den Fußball als ein Objekt ansieht, das das politische Vakuum ausfüllt, der kann sich die Folgen nicht aussuchen: Wenn er mit einem großen Knall implodiert.


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