Carsten Wilp
Fair Play (6)
Katzengold
Glückwunsch an die Deutsche Fußballmannschaft
für den Titel. Doch die Sekunde des Gewinns läßt
einen schalen Nachgeschmack. Kein Zweifel, daß
dies nicht an den Spielern liegt. Es liegt an der neuen
Regel.
Womit sich gezeigt hat, daß verbale Umbenennungen
die Sache selbst nicht schönen. Der erfahrungsgesättigte
Sprachgebrauch bringt die Dinge auf den Punkt und straft
nachträglich jene, denen er zu martialisch ist.
Denn das sogenannte "Golden Goal" raubt den
Gewinnern die Sekunde des Glücks, zu der eine
Zeit der erfüllten Erwartung gehört.: den
Abpfiff der Verlängerung. Das "Golden Goal"
ist nicht fair. Auch nicht für die Verlierer.
Es zeigte sich im Endspiel brutal als das, was es ist:
"Sudden Death". Niemand hat wohl beim letzten
Tor der Europameisterschaft richtig begriffen, was
geschehen ist. Es war auch ein "Sudden Death"
dieses Turniers und die Dramaturgie des Spiels, unkontrollierbar,
wie sie im Fußball nun einmal ist, hat wohl manchen
enttäuscht sagen lassen: "Uups! Das war es
dann wohl." Vielleicht haben es jene, die diese
Regel erfanden, diesmal am eigenen Leibe gespürt.
An der Reaktion ihres Körpers auf das Tor. Wenn
dieses "Golden Goal" also nicht das erste
und letzte des Fußballs war, ist nicht verständlich,
was geschieht. Niemand scheint es gewollt zu haben.
Niemand scheint es zu wollen. Und das ist fair: Jeder
hätte der Tschechischen Mannschaft gegönnt,
die Verlängerung bis zum Ende zu spielen.