Text-Nummer: 0068

Schaltung am: 01.07.1996
Rubrik(en): Sport
Umfang des Textes in Zeichen: 1472
Verfasser(in): Carsten Wilp
Geschrieben am: 01.07.1996
Kürzel: CW
Originaltitel: Fair Play (6)
Katzengold
Copyright: Carsten Wilp
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Diskussion/Leserbriefe:

Carsten Wilp

Fair Play (6)

Katzengold

Glückwunsch an die Deutsche Fußballmannschaft für den Titel. Doch die Sekunde des Gewinns läßt einen schalen Nachgeschmack. Kein Zweifel, daß dies nicht an den Spielern liegt. Es liegt an der neuen Regel.
Womit sich gezeigt hat, daß verbale Umbenennungen die Sache selbst nicht schönen. Der erfahrungsgesättigte Sprachgebrauch bringt die Dinge auf den Punkt und straft nachträglich jene, denen er zu martialisch ist. Denn das sogenannte "Golden Goal" raubt den Gewinnern die Sekunde des Glücks, zu der eine Zeit der erfüllten Erwartung gehört.: den Abpfiff der Verlängerung. Das "Golden Goal" ist nicht fair. Auch nicht für die Verlierer. Es zeigte sich im Endspiel brutal als das, was es ist: "Sudden Death". Niemand hat wohl beim letzten Tor der Europameisterschaft richtig begriffen, was geschehen ist. Es war auch ein "Sudden Death" dieses Turniers und die Dramaturgie des Spiels, unkontrollierbar, wie sie im Fußball nun einmal ist, hat wohl manchen enttäuscht sagen lassen: "Uups! Das war es dann wohl." Vielleicht haben es jene, die diese Regel erfanden, diesmal am eigenen Leibe gespürt. An der Reaktion ihres Körpers auf das Tor. Wenn dieses "Golden Goal" also nicht das erste und letzte des Fußballs war, ist nicht verständlich, was geschieht. Niemand scheint es gewollt zu haben. Niemand scheint es zu wollen. Und das ist fair: Jeder hätte der Tschechischen Mannschaft gegönnt, die Verlängerung bis zum Ende zu spielen.


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