Steve Miller
Panem et Circenses - Atlanta '96 (4)
Die modernen Gladiatoren und ihre Betreuer haben eine Illusion weniger: bei den olympischen Ringen nicht auch an der Kette zu liegen. Wie bei den großen Arenenkämpfen der Antike, das zeigte die Eröffnungsfeier der olympischen Spiele in Atlanta sehr deutlich, dreht es sich nicht in erster Linie um die Sportler. Wer behauptet, die Spiele seien solche der "Aktiven", erzeugt olympischen Schein. Es sind vor allem Spiele für den jeweiligen Souverän und für die Zuschauer, die bei Laune gehalten werden sollen, damit der Souverän das bleiben kann, was er ist: Gott auf Erden. Insofern verbindet Atlanta mehr mit Rom als mit Athen. (Die dargestellten Mythen der Eröffnungsfeier wären daraufhin zu befragen.) Wenn ein "Chef de mission" feststellt, daß sein Team in die Arena getrieben wurde, wie man Vieh mit der Peitsche auf die Weide treibt, so ist er nahe daran zu erkennen, wie die Prioritäten auch bei der modernen Form des "panem et circenses" verteilt sind. Die Tradition von Payne und Samaranch beginnt in Rom. Denn dort sind "Athleten" nicht Diener ihrer eigenen Kauwerzeuge und Sklaven ihrer eigenen Mägen, wie es Euripides für die griechischen Wettkämpfer feststellte, sondern als Gladiatoren dem Willen des Souveräns Unterworfene - auch wenn dieser immer schon von manchen für eine Flasche gehalten wurde.