Steve Miller
Panem et Circenses - Atlanta '96 (6)
Sicherheit und Unsicherheit gehören zusammen, wie
zwei Seiten einer Medaille. Die Explosion der Bombe
im sogenannten Herzen des Gebietes olympischen Friedens
zeigt, daß das Ideal einer weltumspannenden Leistungsgesellschaft,
die einzig aus Ordnung und Sicherheit besteht, nicht
zu haben ist. Wer nur die eine Seite der Medaille präsentiert,
erzeugt Schein.
Die Phantasie von der olympischen Auszeit, in der kriegerische
Auseinandersetzungen in Wettkämpfen sublimiert
werden und Blut nur bei denen fließt, die es
wollen, sitzt dem Irrtum auf, daß es sich tatsächlich
um eine Auszeit handelt. Olympische und circensische
Spiele, die beiden antiken Spielarten, in denen es
den Göttern zu huldigen galt, waren keine Auszeiten.
Diese fanden sich vielmehr in den Dionysien und Saturnalien.
In den Kampfspielen ging es hingegen darum, den Göttern
und Caesaren, die als Gottheiten verehrt wurden, nahezukommen,
fast göttergleich zu werden, und als Halbgötter
das Ideal zu verkörpern. Nichts anderes geschieht
in den olympischen Spielen der Neuzeit.
Die olympische Idee, vielfach beschworen, verklärt
das Ideal, das ihr zugrundeliegt: die absolute Leistungsgesellschaft,
in der nur der Beste Sieger ist. In vielen Ländern
werden Goldmedaillengewinner vergöttert, in den
Olymp gehoben. Die Spiele von Atlanta '96 haben im
Land der unbegrenzten Möglichkeiten radikal in
den Vordergrung gerückt, daß die angebliche
Auszeit die Überhöhung der Zeit ist, eine
Periode, in der die herrschenden Gesetze einer Zeit
in verschärfter und tendenziell reiner Form in
Erscheinung treten. Schon bei den Zweiten weisen die
Daumen der Medien in der Regel nach unten und mancher
Reporter gibt ihnen scheinheilig und mit sarkastischen
und unverschämten Fragen den Gnadenstoß.
Die angeblich Schwächsten werden einfach den
Löwen vorgeworfen: Sie werden von der Interesselosigkeit
der Medien aufgefressen und getilgt.
Atlanta führt extremer als jemals zuvor die Zitation
der Antike durch die Neuzeit vor Augen, die sich selbst
in eine Antike zu verwandeln beginnt: was nichts anderes
heißt, als daß der Charakter der Zitation
zu verschwinden beginnt. Die Sicherheitswände
des circensischen Raums in Atlanta sind die Schutzmauern
einer Arena, die den Ausbruch der Gewalt verhindern
sollen. Atlanta '96 ist deshalb originär, weil
es die Einstülpung des Circus Maximus ist, während
dieser in der Antike die Ausstülpung einer militaristischen
Gesellschaft war.
Bei der Pressekonferenz nach dem Bombenattentat in Atlanta
betonte der Repräsentant des IOC die Tatsache,
daß die Spiele weitergehen würden, als gäbe
es irgendeinen Zweifel daran. Im Laufe des Tages bemerkt
ein Reporter, daß sich der Ablauf der Spiele
nicht wegen des Anschlags, sondern wegen des schlechten
Wetters verzögert habe. Die Detonation hallt als
Donner nach und wird ihr Echo nur in Bemerkungen finden,
die zugeben müssen, daß es auch im sichersten
Circus Maximus von Zeit zu Zeit einen Ausbruch der
undomestizierten Gewalt gibt. Und in der Tat: Niemand
schien in Grunde wirklich überrascht oder beunruhigt.
Wie in München und wie in den notwendigen Abläufen
einer Leistungsgesellschaft schreitet die Idealisierung
auch über Leichen fort. Immer schon wurden diejenigen,
die unten liegen, auch noch getreten. Nicht von ihren
Kontrahenten, sondern von denen, die am guten Ende
auch noch Blut sehen wollten - oder zumindest zeigen.
Bei aller individuellen Betroffenheit und sicher ebenso
ernstgemeintem Mitleid: Die Gier der durch das olympische
Gelände getragenen Handkameras nach Opfern und
Entsetzen zeigt deutlich, das hier endlich die Geschlagenen
gefunden werden sollten, von denen die Verlierer der
Wettkämpfe nur einen schwachen Abglanz bieten.
Durch das Auge dieser Kameras ergötzen wir uns
alle am Los der Verlierer, denen die Gunst der Götter
nicht galt. Ihnen war ein anderes Schicksal hold: daß
es in einer Leistungsgesellschaft, in der vor allem
die absoluten Gewinner in den Himmel gehoben werden,
nur daurch möglich ist, sich mit diesen zu identifizieren,
wenn es auch absolute Verlierer gibt. Es ist dies,
was die Bombe von Atlanta entschleiert: erst die nackte
und blutige Wahrheit, daß es im Herzen der perfekt
organisierten Leistungsgesellschaft jeden treffen kann,
macht diese so sicher. Einer der Organisatoren wollte
Kritiker an der Organisation der Spiele am liebsten
auf den Schießstand geführt sehen. Ein noch
anonymer Terrorist, der sich selbst zum Herrn des Schicksals,
als Herr über Leben und Tod verewigen wollte,
hat verwirklicht, was der andere nur phantasierte.
Für ihn wurde der Platz im Herzen Atlantas zum
Schießstand. Verbale und terroristische Amokläufer
zeigen, daß die Fetischisierung von Ordnung und
Sicherheit notwendig die Gewalt hervortreibt, die man
durch Ritualisierungen gezügelt zu haben glaubt.
Ein Ideal ruft notwendiger Weise ein anderes auf den
Plan. Und da jedes Ideal den Platz ganz oben für
sich allein beansprucht, müssen die Verkörperungen
des anderen weggebombt werden - verbal oder terroristisch.