Text-Nummer: 0095

Schaltung am: 29.07.1996
Rubrik(en): Sport
Umfang des Textes in Zeichen: 5043
Verfasser(in): Steve Miller
Geschrieben am: 27.07.1996
Kürzel:
Originaltitel: Panem et Circenses - Atlanta '96 (6)
Copyright: Steve Miller
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Steve Miller

Panem et Circenses - Atlanta '96 (6)

Sicherheit und Unsicherheit gehören zusammen, wie zwei Seiten einer Medaille. Die Explosion der Bombe im sogenannten Herzen des Gebietes olympischen Friedens zeigt, daß das Ideal einer weltumspannenden Leistungsgesellschaft, die einzig aus Ordnung und Sicherheit besteht, nicht zu haben ist. Wer nur die eine Seite der Medaille präsentiert, erzeugt Schein.
Die Phantasie von der olympischen Auszeit, in der kriegerische Auseinandersetzungen in Wettkämpfen sublimiert werden und Blut nur bei denen fließt, die es wollen, sitzt dem Irrtum auf, daß es sich tatsächlich um eine Auszeit handelt. Olympische und circensische Spiele, die beiden antiken Spielarten, in denen es den Göttern zu huldigen galt, waren keine Auszeiten. Diese fanden sich vielmehr in den Dionysien und Saturnalien. In den Kampfspielen ging es hingegen darum, den Göttern und Caesaren, die als Gottheiten verehrt wurden, nahezukommen, fast göttergleich zu werden, und als Halbgötter das Ideal zu verkörpern. Nichts anderes geschieht in den olympischen Spielen der Neuzeit.
Die olympische Idee, vielfach beschworen, verklärt das Ideal, das ihr zugrundeliegt: die absolute Leistungsgesellschaft, in der nur der Beste Sieger ist. In vielen Ländern werden Goldmedaillengewinner vergöttert, in den Olymp gehoben. Die Spiele von Atlanta '96 haben im Land der unbegrenzten Möglichkeiten radikal in den Vordergrung gerückt, daß die angebliche Auszeit die Überhöhung der Zeit ist, eine Periode, in der die herrschenden Gesetze einer Zeit in verschärfter und tendenziell reiner Form in Erscheinung treten. Schon bei den Zweiten weisen die Daumen der Medien in der Regel nach unten und mancher Reporter gibt ihnen scheinheilig und mit sarkastischen und unverschämten Fragen den Gnadenstoß. Die angeblich Schwächsten werden einfach den Löwen vorgeworfen: Sie werden von der Interesselosigkeit der Medien aufgefressen und getilgt.
Atlanta führt extremer als jemals zuvor die Zitation der Antike durch die Neuzeit vor Augen, die sich selbst in eine Antike zu verwandeln beginnt: was nichts anderes heißt, als daß der Charakter der Zitation zu verschwinden beginnt. Die Sicherheitswände des circensischen Raums in Atlanta sind die Schutzmauern einer Arena, die den Ausbruch der Gewalt verhindern sollen. Atlanta '96 ist deshalb originär, weil es die Einstülpung des Circus Maximus ist, während dieser in der Antike die Ausstülpung einer militaristischen Gesellschaft war.
Bei der Pressekonferenz nach dem Bombenattentat in Atlanta betonte der Repräsentant des IOC die Tatsache, daß die Spiele weitergehen würden, als gäbe es irgendeinen Zweifel daran. Im Laufe des Tages bemerkt ein Reporter, daß sich der Ablauf der Spiele nicht wegen des Anschlags, sondern wegen des schlechten Wetters verzögert habe. Die Detonation hallt als Donner nach und wird ihr Echo nur in Bemerkungen finden, die zugeben müssen, daß es auch im sichersten Circus Maximus von Zeit zu Zeit einen Ausbruch der undomestizierten Gewalt gibt. Und in der Tat: Niemand schien in Grunde wirklich überrascht oder beunruhigt. Wie in München und wie in den notwendigen Abläufen einer Leistungsgesellschaft schreitet die Idealisierung auch über Leichen fort. Immer schon wurden diejenigen, die unten liegen, auch noch getreten. Nicht von ihren Kontrahenten, sondern von denen, die am guten Ende auch noch Blut sehen wollten - oder zumindest zeigen. Bei aller individuellen Betroffenheit und sicher ebenso ernstgemeintem Mitleid: Die Gier der durch das olympische Gelände getragenen Handkameras nach Opfern und Entsetzen zeigt deutlich, das hier endlich die Geschlagenen gefunden werden sollten, von denen die Verlierer der Wettkämpfe nur einen schwachen Abglanz bieten. Durch das Auge dieser Kameras ergötzen wir uns alle am Los der Verlierer, denen die Gunst der Götter nicht galt. Ihnen war ein anderes Schicksal hold: daß es in einer Leistungsgesellschaft, in der vor allem die absoluten Gewinner in den Himmel gehoben werden, nur daurch möglich ist, sich mit diesen zu identifizieren, wenn es auch absolute Verlierer gibt. Es ist dies, was die Bombe von Atlanta entschleiert: erst die nackte und blutige Wahrheit, daß es im Herzen der perfekt organisierten Leistungsgesellschaft jeden treffen kann, macht diese so sicher. Einer der Organisatoren wollte Kritiker an der Organisation der Spiele am liebsten auf den Schießstand geführt sehen. Ein noch anonymer Terrorist, der sich selbst zum Herrn des Schicksals, als Herr über Leben und Tod verewigen wollte, hat verwirklicht, was der andere nur phantasierte. Für ihn wurde der Platz im Herzen Atlantas zum Schießstand. Verbale und terroristische Amokläufer zeigen, daß die Fetischisierung von Ordnung und Sicherheit notwendig die Gewalt hervortreibt, die man durch Ritualisierungen gezügelt zu haben glaubt. Ein Ideal ruft notwendiger Weise ein anderes auf den Plan. Und da jedes Ideal den Platz ganz oben für sich allein beansprucht, müssen die Verkörperungen des anderen weggebombt werden - verbal oder terroristisch.


This text is a Ragman's Rake document. (c) 1996 by the Author or/and by Ragman's Rake. Email: [email protected]