Text-Nummer: 0118

Schaltung am: 06.09.96
Rubrik(en): Sport
Umfang des Textes in Zeichen: 3866
Verfasser(in): Carsten Wilp
Originaltitel: "... und dann so etwas."
Copyright: Carsten Wilp

Carsten Wilp

"... und dann so etwas."

Oliver Bierhoff hat nach dem Länderspiel Polen gegen Deutschland etwas Interessantes gesagt: "Ein solches Spiel soll die Menschen eigentlich verbinden, und dann so etwas." Hat Oliver Bierhoff damit gesagt, daß das Spiel die Menschen nicht miteinander verbunden hat? Warum konnte das Spiel die Menschen nicht miteinander verbinden? Ist vielleicht irgendetwas fragwürdig an dem Gedanken, daß das Länderspiel zweier Nationalmannschaften dazu dient, die Menschen miteinander zu verbinden? Kann es sich bei einem Länderspiel eigentlich um ein Freundschaftsspiel handel, bei dem sich Menschen aus zwei Nationen in aller Freundschaft "zusammenraufen", während 22 Spieler aus beiden Nationen um einen Ball raufen? Wie kann ein Kampfspiel, in dem es darum geht, daß der eine den anderen besiegt, die Menschen verbinden? Wie kann in einem Länderspiel, in dem es darum geht, daß Deutschland Polen oder Polen Deutschland besiegt zu einer Verbindung zwischen den Menschen kommen.?
Gut, Menschen können sich angesichts einer Sache miteinander verbinden. Zum Beispiel sind Menschen darin verbunden, daß sie den Sport lieben. Deshalb müssen sie sich noch nicht untereinander lieben. Trotzdem verbindet sie der Sport. Sie können auch dadurch verbunden sein, daß sie einen Sport lieben, in dem es darum geht, daß eine Nationalmannschaft eine andere Nationalmannschaft schlägt. Sie können auch darin miteinander verbunden sein, daß sie meinen, daß eine Nationalmannschaft das andere Land nicht richtig schlägt. Dann sind die Menschen sehr schnell und eigentlich miteinander verbunden, weil sie es nun übernehmen, den über den Sport mit ihnen Verbundenen zu zeigen, wie man sich richtig schlägt, um den anderen zu schlagen. Wieso eigentlich sollen die Menschen angesichts des Länderspiels Polen gegen Deutschland nicht miteinander verbunden gewesen sein? Sie sind doch in einem Verbund in Polen "einmaschiert", wie sie es sagten. Sie haben sich als Verbindung gezeigt, die es "den Schindler-Juden schon zeigen" werde. Wieso also hat "ein solches Spiel" nicht geschafft, was es "eigentlich" sollte: die Menschen zu verbinden?
Was geschehen ist - und das ist das Problem - das ist, daß sich öffentlich gezeigt hat, was sich sonst nur in den Köpfen der am Kampfsport Interessierten abspielt. Hier hat das Spiel nationalistische Phantasien und Größenwahn einmal nicht gebunden, sondern entbunden. Denn soviel ist sicher: Ohne den Einmarsch der deutschen Mannschaft in das Stadion von Gornik Zabrze wären auch jene nicht in Polen einmaschiert, die den mit ihnen im Geiste Verbundenen einmal zeigen wollten, wie man es richtig macht: ein anderes Land zu schlagen, um sich dann grölend und feixend davoneskortieren zu lassen. Deshalb gilt es die Verbindung aufrecht zu halten und den polnischen Nachbarn zu sagen: Seht, sie wollen den Knüppel. Sie wollen, daß man ihnen zeigt, wie man andere richtig schlägt. Sie wollen nicht Fußball, sie wollen Prügel. Wenn Ihr Euch also als gute Nachbarn zeigen wollt, dann tut uns doch bitte den Gefallen und erfüllt den mit uns verbundenen Menschen aus unserem Land ihren Wunsch. Gebt ihnen die Prügel. Reichlich. Und von uns gleich mit. Wir wären Euch sehr verbunden. Und auch wir wollen aufhören, unverbindliches Zeugs zu reden: Wir schicken eine Nationalmannschaft, damit sie eine andere Nationalmannschaft schlägt - oder daß sie von dieser geschlagen wird. Aber es gibt so reichlich Prügel auf dieser Welt und so viele, denen der sportliche Wettstreit nicht reicht, daß wir nicht sparen sollten. Wir geben ihnen, was sie sich wünschen, auf unserer Seite und Ihr gebt es Ihnen auf Eurer Seite. Vielleicht können wir einen neuen Wettstreit der Nächstenliebe eröffnen: Wer gibt den Hooligans mehr von dem was sie sich wünschen? Wer also sagt, daß ein solches Spiel die Menschen nicht miteinander verbinden kann?


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