Carsten Wilp
Pinkepong der Werte
Kaum jemand wird noch daran zweifeln, daß Peter
Graf einer der größten Absahner in der Geschichte
des Sports ist. Daß seine Tochter zwischen den
Mühlsteinen finanzieller Transaktionen und sportlicher
Leistung zermahlen wird, sichert ihr Sympathie: Ein
junges Mädchen wurde zum Investmentobjekt, aus
dem Vater und Berater so viel Rendite wie möglich
herausschlugen. Gerade jene, die einer Heranwachsenden
gesellschaftliche Werte und ethische Maßstäbe
vermitteln sollten, haben ein Kind als Geldmaschine
mißbraucht. Und als das Kind erwachsen wurde,
waren die Weichen gestellt. Es ist der Justiz hoch
anzurechnen, daß sie offensichtliche Hörigkeiten
in Rechnung stellt, auch wenn mancher Gleichbehandlung
nach dem Grundsatz Unwissenheit schützt vor Strafe
nicht fordert. Doch die Frage des Umgangs mit Mündigkeit
und Abhängigkeit im Sport und anderswo ist eine
andere.
Interessant ist, in welchem gesellschaftlichen Klima
die Dinge ihren Lauf nehmen konnten. Ganz generell
scheint in der Familie Graf und in ihrer Umgebung nach
dem Grundsatz verfahren worden zu sein: Wer nicht alle
Register zieht, das Finanzamt übers Ohr zu hauen,
ist blöd. Die Familie befindet sich damit sicherlich
in bester Gesellschaft, das Unternehmen Graf hat -
öffentlichen Verlautbarungen der Steuerbehörden
zufolge - nicht anders gehandelt, als viele andere
mittelständische Familienbetriebe auch. Erst in
jüngerer Zeit, seit mehr und mehr an und auf Kosten
von mehr und mehr Leuten gespart wird, beginnen sich
die Wertmaßstäbe zu verschieben: Die sogenannte
laxe Steuermoral gilt nicht mehr unbedingt als akzeptierte
Haltung und die Hinterziehungen, die auf Kosten vieler
"braver" Steuerzahler gehen, gelten nicht
mehr als Kavaliersdelikte. Daß es zu einem Prozeß
gekommen ist, in dem nun über die Verhältnismäßigkeit
der Mittel gestritten wird, verdankt sich auch dieser
Entwicklung. Steuerhinterzieher werden - zumindest
in einem Verfahren, das großes öffentliches
Interesse auf sich zieht - nicht mehr wie Kavaliere
behandelt oder "tolle Hechte", die es verstehen,
sich im Karpfenteich der Dummen zu mästen, sondern
als Verbrecher.
Daß manche diese Entwicklung noch nicht mitbekommen
haben, zeigt der Auftritt des Generalsekretärs
des Deutschen Tennisbundes Sanders vor dem Mannheimer
Landgericht. Die Naivität, mit der er freimütig
über die Zahlung von Antrittsgeldern für
Steffi Graf Auskunft gibt, nötigt den Vorsitzenden
Richter zum Hinweis, daß er die Aussage verweigern
könne, wenn er sich damit selbst belaste.
Daß Sanders dies nicht tut, zeigt das völlige
Fehlen eines Unrechtsbewußtseins und das Vertrauen
auf seine Rechtsberater beim DTB. Und hier beginnt
das eigentlich Bemerkenswerte. Die Usancen des monetären
Tennis-Pinkepongs machen - durch einen Prozeß
auch Außenstehenden vor Augen geführt -
den in Sportgeschäften Unkundigen schwindelig.
Hunderttausende von Mark wurden hier im Imagepingpong
hin und her gespielt - und der Hinweis darauf, daß
Steffi Graf dafür ja auch mal eine Autogrammstunde
gegeben habe, ist vielsagend. Wahrscheinlich will der
Generalsekretär des DTB sich über die Prozeßbeobachter
noch nicht einmal lustig machen: Wahrscheinlich ist
er davon überzeugt, daß es sich bei diesen
Antrittsgeldern in den Arenen des Sports um nichts
anderes als ein paar ausgestreute Peanuts handelt.
Es wundert nicht, daß Kindern wie Steffi Graf,
die in einem solchen Klima aufwachsen, jegliche Maßstäbe
verlorengehen. Denn wo es im Umfeld einer Leistung
selbstverständlich ist, ohne jeden Beleg dem einen
oder der anderen mal eben ein paar hunderttausend Mark
in die Hand zu drücken, da versteht man natürlich
die Welt und deren Aufregungen nicht mehr - wenn Leute
anfangen, sich über solche Regelauslegungen zu
wundern. Wiedereinmal scheinen jene ins Schwarze zu
treffen, die behaupten, daß offenbar genug Geld
da ist, genug, um die als Notwendigkeit verausgabten
und politisch verordneten Sparkurse als Vortäuschungen
falscher Tatsachen zu beargwöhnen. Offenbar gibt
es gesellschaftliche Bereiche, in denen derart viel
Reichtum akkumuliert ist, daß die Verhältnismäßigkeit
von Leistung und Honorar vollständig aus dem Blick
gerät. Kann man es den Gewerkschaften da verübeln,
daß sie mit einer Verknappung von Leistung ihrer
Mitglieder drohen, damit deren Wert überhaupt
wieder in das öffentliche Bewußtsein dringt?
Die Abstrusitäten, die angesichts herrschender
Wertmaßstäbe allerorten beobachtbar sind,
sind nicht dazu geeignet, das vielbeschworene "soziale
Klima" zu entspannen. Wer sie nicht ignoriert,
wird in politischen Appellen, doch endlich seine Hausaufgaben
zu machen (sprich: hinsetzen, arbeiten und nicht fragen!),
den oberlehrerhaften Zynismus wiederfinden, demgemäß
sich die Wohlhabenden alles erlauben können, während
die Armen doch froh darüber sein sollten, überhaupt
die harte Schulbank drücken zu dürfen. Die
Dinge haben sich nicht erst seit dem Graf-Prozeß
verschoben, sie sind schon viel früher durcheinander
geraten. Wer hier mit erhobenem Zeigefinger behauptet,
Ordnung schaffen zu wollen, muß erst einmal erklären,
was er zu Zeiten der steuerlichen Kavaliersdelikte
damit meinte: Leistung muß sich wieder lohnen.
Und was er meinte, wenn er Heranwachsende wie Steffi
Graf dabei als Vorbilder benannte.