Text-Nummer: 0152

Schaltung am: 21.11.96
Rubrik(en): Sport
Umfang des Textes in Zeichen: 1546
Verfasser(in): Steve Miller
Originaltitel: Sprung des Tigers
Copyright: Steve Miller

Steve Miller

Sprung des Tigers

Nicht nur für Eishockeyprofis dürfte Torsten Kienass einen wichtigen Punkt gemacht haben. Der Sprung des Ice Tigers vor die Schranken des Gerichts wird als ein wichtiger Satz vorwärts in die Sportgeschichte eingehen. Es ist ein erster Sprung von der Fremdvermarktung, die böse Zungen auch als "Menschenhandel" bezeichneten, zur Selbstvermarktung. Zwar bleibt weiter die Frage offen, ob diese nicht auch nur eine sublimere Form des Menschenhandels darstellt, für die Abschaffung eines gleichsam feudalen Eigentumsdenken ist aber immerhin ein entscheidender Schritt getan. Die Entscheidung des 5. Senats des Bundesarbeitsgerichtes, daß Ablöseforderungen nach Vertragsende unrechtmäßig sind, beendet Auswüchse des selbstherrlichen Diktats mancher Sportvereine und schiebt den Verfahrensweisen von Verbandsmonopolen einen Riegel vor. Sportler müssen sich nicht mehr damit abfinden, daß nicht Verträge die Grundlage ihres Arbeitsverhältnisses sind, sondern das Gutdünken ihrer Arbeitgeber. Dennoch ist diese Entscheidung nur der erste Sprung. Zu diskutieren ist nun die Rechtmäßigkeit des Verkaufs von Spielern über deren Köpfe hinweg - auch wenn dies als Möglichkeit Bestandteil ihres Vertrages ist. Zu prüfen ist, inwiefern solche Vertragspassagen sittenwidrig sind - auch wenn (und vielleicht auch gerade weil) es üblich zu sein scheint, daß die Sitten des Sports von denen der übrigen Gesellschaft abweichen. Kienass hat sich aufs Glatteis der Sportmoral gewagt und Standfestigkeit bewiesen. Wer wird ihm folgen?


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