Text-Nummer: 0180

Schaltung am: 14.03.97
Rubrik(en): Sport
Umfang des Textes in Zeichen: 2744
Verfasser(in): Carsten Wilp
Originaltitel: Katastrophen
Copyright: Carsten Wilp

Carsten Wilp

Katastrophen

Eine Folge von "Katastrophen" hat nach Ansicht von Franz Beckenbauer den Verein von Bayern München ereilt. Leverkusen und Bielefeld erscheinen ihm als Stationen verlorener Schlachten. Und vor einem Sieg gegen Schalke will man sich nicht weiter äußern. "Katastrophe" bezeichnet als Wort zunächst nichts anderes als die Wendung, die ein Drama nimmt, später die "entscheidende Wendung zum Schlimmen". Ob etwas eine Katastrophe ist, entscheidet sich immer erst im Nachhinein, wenn es einen Überblick über die Folgen gibt. Ereignisse im Augenblick ihres Geschehens als "katastrophal" anzusehen, zeugt von einer Beschwörung des Schicksals, die die unausweichlichkeit des Schlimmen und Entsetzlichen schon als unabwendbar vor Augen hat. Dementsprechend wird auch schon davon gesprochen, daß die Teilnahme des FC Bayern München an der UEFA-CUP-Runde in Frage steht.
So rückt der Fußball in den Rang einer kriegerischen Auseinandersetzung, in der der Bestand einer Schicksalsgemeinschaft von zwei Niederlagen in Folge abhängt. Jedes "Spiel" des FC Bayern erscheint dem Management und seinen Beratern als Entscheidungsschlacht. Dahinter steht die Auffassung, daß man das Schicksal bestechen oder kaufen kann: Bei genügend hohen Investitionen in Spieler und Trainer hat der FC Bayern ein Anrecht darauf, an der Spitze der Bundesliga zu stehen. Alles andere ist dann katastrophal. Das ist der "Mythos" "Bayern München", an dem um jeden Preis festgehalten werden soll: Eine Mannschaft, die einfach nicht verlieren kann. Die in diesem Satz liegende Doppeldeutigkeit bestimmt das Auftreten der Mannschaftsmitglieder. Sie können sich nicht erklären, was in sie gefahren ist. Denn eigentlich müssen sie doch nicht verlieren können dürfen. Das hat man ihnen oft genug suggeriert. Und nun laufen sie auf dem Platz herum, als seien sie die Verkörperungen einer Schicksalsergebenheit. Nachher sind sie vor Entsetzen stumm oder geißeln sich öffentlich, wie Ziege. Irgendjemand wird bald vorschlagen, gemeinsam zu beten. Vielleicht wird in den Vorstandsetagen auch schon über andere Beschwörungsrituale nachgedacht, etwa über die Weihe des Balles vor dem Spiel oder das Menschenopfer, um die Fußballgötter wieder gnädig zu stimmen. Apropos Traineropfer: Der Trainer Kaiserslauterns wird nun begreifen, daß er sich einst keinen neuen Verein suchte, sondern die Zelebrierung eines Kults, bei dem nicht nur der Nimbus der Unbesiegbarkeit gefragt ist, sondern der Abstieg der Götter auf die Erde. Aber hier versteigen wir uns. Denn "Abstieg" - das ist ein Wort, das im Kult des FC Bayern nicht vorkommt, auch wenn alle Beteiligten so handeln, als sei das Abrutschen vom ersten auf den zweiten Tabellenplatz nicht anderes als das: Abstieg.


This text is a Ragman's Rake document. (c) 1996 by the Author or/and by Ragman's Rake. Email: [email protected]