Carsten Wilp
Katastrophen
Eine Folge von "Katastrophen" hat nach Ansicht
von Franz Beckenbauer den Verein von Bayern München
ereilt. Leverkusen und Bielefeld erscheinen ihm als
Stationen verlorener Schlachten. Und vor einem Sieg
gegen Schalke will man sich nicht weiter äußern.
"Katastrophe" bezeichnet als Wort zunächst
nichts anderes als die Wendung, die ein Drama nimmt,
später die "entscheidende Wendung zum Schlimmen".
Ob etwas eine Katastrophe ist, entscheidet sich immer
erst im Nachhinein, wenn es einen Überblick über
die Folgen gibt. Ereignisse im Augenblick ihres Geschehens
als "katastrophal" anzusehen, zeugt von einer
Beschwörung des Schicksals, die die unausweichlichkeit
des Schlimmen und Entsetzlichen schon als unabwendbar
vor Augen hat. Dementsprechend wird auch schon davon
gesprochen, daß die Teilnahme des FC Bayern München
an der UEFA-CUP-Runde in Frage steht.
So rückt der Fußball in den Rang einer kriegerischen
Auseinandersetzung, in der der Bestand einer Schicksalsgemeinschaft
von zwei Niederlagen in Folge abhängt. Jedes "Spiel"
des FC Bayern erscheint dem Management und seinen Beratern
als Entscheidungsschlacht. Dahinter steht die Auffassung,
daß man das Schicksal bestechen oder kaufen kann:
Bei genügend hohen Investitionen in Spieler und
Trainer hat der FC Bayern ein Anrecht darauf, an der
Spitze der Bundesliga zu stehen. Alles andere ist dann
katastrophal. Das ist der "Mythos" "Bayern
München", an dem um jeden Preis festgehalten
werden soll: Eine Mannschaft, die einfach nicht verlieren
kann. Die in diesem Satz liegende Doppeldeutigkeit
bestimmt das Auftreten der Mannschaftsmitglieder. Sie
können sich nicht erklären, was in sie gefahren
ist. Denn eigentlich müssen sie doch nicht verlieren
können dürfen. Das hat man ihnen oft genug
suggeriert. Und nun laufen sie auf dem Platz herum,
als seien sie die Verkörperungen einer Schicksalsergebenheit.
Nachher sind sie vor Entsetzen stumm oder geißeln
sich öffentlich, wie Ziege. Irgendjemand wird
bald vorschlagen, gemeinsam zu beten. Vielleicht wird
in den Vorstandsetagen auch schon über andere
Beschwörungsrituale nachgedacht, etwa über
die Weihe des Balles vor dem Spiel oder das Menschenopfer,
um die Fußballgötter wieder gnädig
zu stimmen. Apropos Traineropfer: Der Trainer Kaiserslauterns
wird nun begreifen, daß er sich einst keinen
neuen Verein suchte, sondern die Zelebrierung eines
Kults, bei dem nicht nur der Nimbus der Unbesiegbarkeit
gefragt ist, sondern der Abstieg der Götter auf
die Erde. Aber hier versteigen wir uns. Denn "Abstieg"
- das ist ein Wort, das im Kult des FC Bayern nicht
vorkommt, auch wenn alle Beteiligten so handeln, als
sei das Abrutschen vom ersten auf den zweiten Tabellenplatz
nicht anderes als das: Abstieg.