Text-Nummer: 0184

Schaltung am: 29.04.97
Rubrik(en): Sport
Umfang des Textes in Zeichen: 2781
Verfasser(in): Jens Fricke
Originaltitel: Spielwitz
Copyright: Jens Fricke

Jens Fricke

Spielwitz

Die Leistung im "Mannschaftssport" ist eine des Teams. In letzter Zeit taucht neben dem Begrif "Teamgeist" in Reportagen von Sportmoderatoren ein anderes Wort auf, das vom "Spielwitz einzelner Formationen der Mannschaft".
Sport ist ein gesellschaftlicher Zusammenhang, in dem Prozesse der Gesamtgesellschaft zum Zuge kommen. Was Moderatoren - und wahrscheinlich nicht nur diese - an der Leistung einer "Formation" (Angriffs-, Abwehr-, Mittelfeldformation begeistert, das ist die Begeisterung der Spieler, die im Zusammenspiel eben "Spielwitz" entwickeln. Begeisterung ist "ansteckend", wie ein authentisches Lachen. Öde hingegen scheinen Moderatoren "Arbeitssiege" zu sein, die eine fragwürdige Leistung dokumentieren.
So verdichtet der Sport in Formationen das Spiel einer Gesellschaft, die es noch nicht gewohnt ist, in Formationen Leistung zu erbringen. Die Zeiten, in denen einzelne Spieler - oder gar der Trainer - als "Leistungsträger" ausgewiesen werden konnten, sind vorbei. Was zählt, das ist der "Spielwitz", denn der Genuß des Spiels, an dem die Zuschauer ebenso teilhaben wie die Spieler, steht in einer merkwürdigen Distanz zur Unlust, die die Arbeit im Spiel erzeugt. Deshalb werden auch im Sport Arbeitsplätze rar und und deshalb sind Leistungsträger gefragt, die Leistungspositionen in Formationen einnehmen können, nicht die einsam Genialen, die Gurus einer Mannschaft, um die sich alles dreht, und die zerfällt, wenn ein Tritt in die Archillesferse einer Mannschaft diese "enthauptet". Die Aufgabe der Trainer er Zukunft wird darin bestehen, eingespielte Leistungsformationen zum Zuge kommen zu lassen, die den Spielwitz verausgaben. Deshalb sind Regelsysteme des Fußballs veraltet, die einzig die Auswechselung einzelner Spieler vorsehen. Nicht jeder kann in einer eingespielten Formation einen Ausgefallenen ersetzen. Welche spielerischen Möglichkeiten die Auswechselung einzelner Formationen, auch der öftere fliegende Wechsel, mit sich bringen würde, ist ein interessantes Szenarium. Banksitzer müssen so wenig sein, wie öde Spiele, bei denen der Witz nicht ins Spiel kommt. Mit dem Zerfall der Arbeitsgesellschaft kann auch der Sport nicht so tun, als seien militärische Truppen, in denen einer den anderen ersetzt, wenn er fällt, zeitgemäß. Denn mehr als um den reinen erkämpften Sieg geht es im Sport fortschreitend um den mit Witz erspielten. Daß die meisten Spieler und Zuschauer nichts zu lachen haben, daß liegt nicht an der mangelnden Spielfreudigkeit von Leistungsträgern in Formationen. Es liegt an einem überkommenen Regelwerk von Mannschaftsportarten, die seit den Anfängen der Arbeitsgesellschaft industrielle und militärische Strukturen kopieren. Die Interaktionsgesellschaft der Zukunft wird solchem Sport davonlaufen.


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