Jens Fricke
Spielwitz
Die Leistung im "Mannschaftssport" ist eine
des Teams. In letzter Zeit taucht neben dem Begrif
"Teamgeist" in Reportagen von Sportmoderatoren
ein anderes Wort auf, das vom "Spielwitz einzelner
Formationen der Mannschaft".
Sport ist ein gesellschaftlicher Zusammenhang, in dem
Prozesse der Gesamtgesellschaft zum Zuge kommen. Was
Moderatoren - und wahrscheinlich nicht nur diese -
an der Leistung einer "Formation" (Angriffs-,
Abwehr-, Mittelfeldformation begeistert, das ist die
Begeisterung der Spieler, die im Zusammenspiel eben
"Spielwitz" entwickeln. Begeisterung ist
"ansteckend", wie ein authentisches Lachen.
Öde hingegen scheinen Moderatoren "Arbeitssiege"
zu sein, die eine fragwürdige Leistung dokumentieren.
So verdichtet der Sport in Formationen das Spiel einer
Gesellschaft, die es noch nicht gewohnt ist, in Formationen
Leistung zu erbringen. Die Zeiten, in denen einzelne
Spieler - oder gar der Trainer - als "Leistungsträger"
ausgewiesen werden konnten, sind vorbei. Was zählt,
das ist der "Spielwitz", denn der Genuß
des Spiels, an dem die Zuschauer ebenso teilhaben wie
die Spieler, steht in einer merkwürdigen Distanz
zur Unlust, die die Arbeit im Spiel erzeugt. Deshalb
werden auch im Sport Arbeitsplätze rar und und
deshalb sind Leistungsträger gefragt, die Leistungspositionen
in Formationen einnehmen können, nicht die einsam
Genialen, die Gurus einer Mannschaft, um die sich alles
dreht, und die zerfällt, wenn ein Tritt in die
Archillesferse einer Mannschaft diese "enthauptet".
Die Aufgabe der Trainer er Zukunft wird darin bestehen,
eingespielte Leistungsformationen zum Zuge kommen zu
lassen, die den Spielwitz verausgaben. Deshalb sind
Regelsysteme des Fußballs veraltet, die einzig
die Auswechselung einzelner Spieler vorsehen. Nicht
jeder kann in einer eingespielten Formation einen Ausgefallenen
ersetzen. Welche spielerischen Möglichkeiten die
Auswechselung einzelner Formationen, auch der öftere
fliegende Wechsel, mit sich bringen würde, ist
ein interessantes Szenarium. Banksitzer müssen
so wenig sein, wie öde Spiele, bei denen der Witz
nicht ins Spiel kommt. Mit dem Zerfall der Arbeitsgesellschaft
kann auch der Sport nicht so tun, als seien militärische
Truppen, in denen einer den anderen ersetzt, wenn er
fällt, zeitgemäß. Denn mehr als um
den reinen erkämpften Sieg geht es im Sport fortschreitend
um den mit Witz erspielten. Daß die meisten Spieler
und Zuschauer nichts zu lachen haben, daß liegt
nicht an der mangelnden Spielfreudigkeit von Leistungsträgern
in Formationen. Es liegt an einem überkommenen
Regelwerk von Mannschaftsportarten, die seit den Anfängen
der Arbeitsgesellschaft industrielle und militärische
Strukturen kopieren. Die Interaktionsgesellschaft der
Zukunft wird solchem Sport davonlaufen.