Text-Nummer: 0024

Schaltung am: 01.06.1996
Rubrik(en): Politik, Wirtschaft
Umfang des Textes in Zeichen: 3424
Verfasser(in): Ulrich Kerner
Geschrieben am:
Kürzel: Ker
Originaltitel: Fusion und Konfusion
Copyright: Ulrich Kerner
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Ulrich Kerner

Fusion und Konfusion

Die politischen Metaphern blühen, wenn es zu überreden statt zu überzeugen gilt: Die Bildersprache ist aber immer auch verräterisch. Aus Berlin und Brandenburg soll ein Bundesland werden. Das Gerede von Länderehe ist ein sprachlicher Fehlgriff erster Güte, auch wenn es mit dem Hinweis auf eine gleichberechtigte Partnerschaft gemildert werden soll. Bei solcher Wortwahl schlagen die familienpolitischen Weltanschauungen der großen Parteien durch und spekulieren darauf, daß die Menschen in beiden Ländern nicht zwischen einem Ehevertrag und einem Abkommen zur Konkursverschleppung unterscheiden können. Zwar soll es auch Partner geben, die gerade dann heiraten, wenn es massiv kriselt: die Ehe als verzweifelte Rettungstat zerrütteter Verhältnisse. Die Folge ist nicht selten, daß die Schuld dafür, daß es dann doch nicht läuft, auf das Erbe vergangener Verfehlungen geschoben wird. Von Länderehe zu sprechen ist schon deshalb Vortäuschung falscher Tatsachen, weil eine Scheidung nicht möglich ist. Diese Vortäuschung wird auch dadurch nicht geadelt, daß sie den Bürgern vorstellbar machen soll, was beabsichtigt ist: Frei nach Kant die wechselseitige Ausbeutung des Besitzes. Womit nur noch festzustellen bliebe, welches Land den Part der Frau spielen soll, die nach Kant der "Erhaltung der Art" dient, und welches den Part des Mannes, der durch die Frau "veredelt" wird.
Die sprachliche Konfusion gibt aber auch Hinweise, die den Mehrdeutigkeiten im Wunsch nach Vereinigung eine andere Richtung geben. So bezeugt die Wahl des Wortes Fusion vor allem das wirtschaftliche Interesse. Hier liegt die Erinnerung an die Verbindung zweier Unternehmen nahe, deren Verschmelzung die Chancen auf dem Markt erhöhen sollen. Jeder Kundige solcher Fusionen aber weiß, daß bei ihrer Durchführung nur in den seltensten Fällen der Besitz- und Personalstand der ursprünglichen Unternehmen gewahrt bleibt. Jene, die von Fusion reden, werden aber ihre Vorstellungen von einer neuen Corporate Identity erst preisgeben, wenn die Verschmelzung stattgefunden hat. Gerade wenn es um Fusion als eine Art des Krisenmanagements geht, ist für die Beteiligten und Betroffenen Vorsicht gegenüber Versprechungen geboten, die die Zukunft in rosigen Farben pinseln.
Jetzt schon halten die sogenannten "Erfordernisse der neuen Zeit" als Generalargument für die Fusion Berlins und Brandenburgs her. Es sind ohne Zweifel wirtschaftliche Erfordernisse. Doch die jüngsten Entwicklungen zeigen, daß das alte Argument durch seine Neuauflage nicht wahrer geworden ist: Daß es den arbeitenden Menschen gut geht, wenn es der Wirtschaft gut geht. Zwar trifft es zu, daß es ihnen noch schlechter geht, wenn allerorten rote Zahlen geschrieben werden. Der Umkehrschluß war aber nie zulässig und ist es im Zuge der fortschreitenden Internationalisierung der Märkte wenige denn je. Der Streit um Mindestlöhne und kleine der Politik abgetrotzte Zugeständnisse sind hier nur Rückzugsgefechte.
Deshalb wird die Fusion stattfinden, egal wie der Volksentscheid ausgeht. Die Abstimmung für die Länderfusion dient im Grunde nur der nachträglichen Sanktionierung der Tatsache, daß der Zug längst abgefahren ist. Die in ihm sitzen, werden sich über das Ja freuen und über das Nein hinwegsetzen. Aber es entstünde doch ein freundlicheres Bild, wenn die Zurückgebliebenen das Erscheinungsbild des davonrauschenden Zuges zumindest beklatschten.


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