Ulrich Kerner
Fusion und Konfusion
Die politischen Metaphern blühen, wenn es zu überreden
statt zu überzeugen gilt: Die Bildersprache ist
aber immer auch verräterisch. Aus Berlin und Brandenburg
soll ein Bundesland werden. Das Gerede von Länderehe
ist ein sprachlicher Fehlgriff erster Güte, auch
wenn es mit dem Hinweis auf eine gleichberechtigte
Partnerschaft gemildert werden soll. Bei solcher Wortwahl
schlagen die familienpolitischen Weltanschauungen der
großen Parteien durch und spekulieren darauf,
daß die Menschen in beiden Ländern nicht
zwischen einem Ehevertrag und einem Abkommen zur Konkursverschleppung
unterscheiden können. Zwar soll es auch Partner
geben, die gerade dann heiraten, wenn es massiv kriselt:
die Ehe als verzweifelte Rettungstat zerrütteter
Verhältnisse. Die Folge ist nicht selten, daß
die Schuld dafür, daß es dann doch nicht
läuft, auf das Erbe vergangener Verfehlungen geschoben
wird. Von Länderehe zu sprechen ist schon deshalb
Vortäuschung falscher Tatsachen, weil eine Scheidung
nicht möglich ist. Diese Vortäuschung wird
auch dadurch nicht geadelt, daß sie den Bürgern
vorstellbar machen soll, was beabsichtigt ist: Frei
nach Kant die wechselseitige Ausbeutung des Besitzes.
Womit nur noch festzustellen bliebe, welches Land den
Part der Frau spielen soll, die nach Kant der "Erhaltung
der Art" dient, und welches den Part des Mannes,
der durch die Frau "veredelt" wird.
Die sprachliche Konfusion gibt aber auch Hinweise, die
den Mehrdeutigkeiten im Wunsch nach Vereinigung eine
andere Richtung geben. So bezeugt die Wahl des Wortes
Fusion vor allem das wirtschaftliche Interesse. Hier
liegt die Erinnerung an die Verbindung zweier Unternehmen
nahe, deren Verschmelzung die Chancen auf dem Markt
erhöhen sollen. Jeder Kundige solcher Fusionen
aber weiß, daß bei ihrer Durchführung
nur in den seltensten Fällen der Besitz- und Personalstand
der ursprünglichen Unternehmen gewahrt bleibt.
Jene, die von Fusion reden, werden aber ihre Vorstellungen
von einer neuen Corporate Identity erst preisgeben,
wenn die Verschmelzung stattgefunden hat. Gerade wenn
es um Fusion als eine Art des Krisenmanagements geht,
ist für die Beteiligten und Betroffenen Vorsicht
gegenüber Versprechungen geboten, die die Zukunft
in rosigen Farben pinseln.
Jetzt schon halten die sogenannten "Erfordernisse
der neuen Zeit" als Generalargument für die
Fusion Berlins und Brandenburgs her. Es sind ohne Zweifel
wirtschaftliche Erfordernisse. Doch die jüngsten
Entwicklungen zeigen, daß das alte Argument durch
seine Neuauflage nicht wahrer geworden ist: Daß
es den arbeitenden Menschen gut geht, wenn es der Wirtschaft
gut geht. Zwar trifft es zu, daß es ihnen noch
schlechter geht, wenn allerorten rote Zahlen geschrieben
werden. Der Umkehrschluß war aber nie zulässig
und ist es im Zuge der fortschreitenden Internationalisierung
der Märkte wenige denn je. Der Streit um Mindestlöhne
und kleine der Politik abgetrotzte Zugeständnisse
sind hier nur Rückzugsgefechte.
Deshalb wird die Fusion stattfinden, egal wie der Volksentscheid
ausgeht. Die Abstimmung für die Länderfusion
dient im Grunde nur der nachträglichen Sanktionierung
der Tatsache, daß der Zug längst abgefahren
ist. Die in ihm sitzen, werden sich über das Ja
freuen und über das Nein hinwegsetzen. Aber es
entstünde doch ein freundlicheres Bild, wenn die
Zurückgebliebenen das Erscheinungsbild des davonrauschenden
Zuges zumindest beklatschten.