Ulrich Kerner
Bankenkrise in Rußland?
Wenn Boris Jelzin Journalisten mitteilt, daß es
keinen Grund gibt, die russischen Banken am Rande des
Abgrundes zu sehen, so ist er schlecht beraten. Man
sollte ihm mitteilen, daß die Verneinung auch
bei öffentlichen Verlautbarungen die sprachliche
Form ist, in der etwas Verdrängtes zum politischen
Bewußtsein kommt. Mag die Übernahme der
Kontrolle über eine der zwanzig größten
Banken des Landes durch die russische Zentralbank auch
"nur" ein Symptom sein, in dem der traumatische
Umbruch der russischen Wirtschaft zur Sprache gebracht
wird, so verweist die Wortwahl "am Abgrund"
auf die Ängste, die das politische Bewußtsein
des Landes prägen. Die Wiederkehr des Verdrängten
aber hat der Ausgang der Wahl deutlich gezeigt. Die
Kommunisten kehren zurück und es wird nur eine
Frage der Zeit sein, bis sich auch das politische Agieren
als Symptom einer Gesellschaft zeigen wird, die es
versäumte, ihren Verlust zu analysieren.
Der Bürgerkrieg wird immer wahrscheinlicher. Wie
hypnotisiert verfolgen die politischen Verantwortlichen
in aller Welt den Prozeß einer fortschreitenden
Hysterisierung, in dem ein Land nach dem Mann schreit,
der es ihm zeigt und es beherrscht. Daß Jelzin
dennoch gewählt wurde demonstriert nichts anderes
als die andere Hälfte der Hysterie: Daß
der (heraus)geforderte Mann dem Land dennoch vom Leibe
bleiben möge. Noch ist Jelzin also, für die
politischen Körperschaften, die das pro und
contra beherrscht werden zu wollen verkörpern,
der Mann der Stunde: Ein geschwächter Mann, der
dem politischen Verkehr nur noch aus der nötigen
Distanz beizuwohnen vermag. Hier bedarf es nur einer
kleinen Verschiebung in der gesellschaftlichen Dynamik,
um einen kraftvolleren Mann auf das Podest zu heben.
Es ist genau das, was sich im Umfeld Jelzins regt:
"Starke Männer", die erkannt haben,
daß ein Land danach schreit, daß endlich
einer kommen soll, der ihm zeigt, wo es langgeht. Das
wird nicht mehr die Stunde der Zentralbank sein, sondern
die des "demokratischen Zentralismus", dessen
Wirksamkeit aus Zeiten der KPdSU in Erinnerung sein
sollte. Es sei denn - der Preis für die von der
Krise geschüttelte Braut Rußland wird von
anderer Seite bezahlt. Dazu aber müßte sich
die Hypnose lösen. Und die Suggestion, jeder der
zukünftigen Herrn und Meister, die schon in den
Startlöchern stehen, wäre käuflich.