Text-Nummer: 0076

Schaltung am: 10.07.1996
Rubrik(en): Wirtschaft
Umfang des Textes in Zeichen: 2365
Verfasser(in): Ulrich Kerner
Geschrieben am: 10.07.1996
Kürzel: Ker
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Ulrich Kerner

Bankenkrise in Rußland?

Wenn Boris Jelzin Journalisten mitteilt, daß es keinen Grund gibt, die russischen Banken am Rande des Abgrundes zu sehen, so ist er schlecht beraten. Man sollte ihm mitteilen, daß die Verneinung auch bei öffentlichen Verlautbarungen die sprachliche Form ist, in der etwas Verdrängtes zum politischen Bewußtsein kommt. Mag die Übernahme der Kontrolle über eine der zwanzig größten Banken des Landes durch die russische Zentralbank auch "nur" ein Symptom sein, in dem der traumatische Umbruch der russischen Wirtschaft zur Sprache gebracht wird, so verweist die Wortwahl "am Abgrund" auf die Ängste, die das politische Bewußtsein des Landes prägen. Die Wiederkehr des Verdrängten aber hat der Ausgang der Wahl deutlich gezeigt. Die Kommunisten kehren zurück und es wird nur eine Frage der Zeit sein, bis sich auch das politische Agieren als Symptom einer Gesellschaft zeigen wird, die es versäumte, ihren Verlust zu analysieren.
Der Bürgerkrieg wird immer wahrscheinlicher. Wie hypnotisiert verfolgen die politischen Verantwortlichen in aller Welt den Prozeß einer fortschreitenden Hysterisierung, in dem ein Land nach dem Mann schreit, der es ihm zeigt und es beherrscht. Daß Jelzin dennoch gewählt wurde demonstriert nichts anderes als die andere Hälfte der Hysterie: Daß der (heraus)geforderte Mann dem Land dennoch vom Leibe bleiben möge. Noch ist Jelzin also, für die politischen Körperschaften, die das pro und contra beherrscht werden zu wollen verkörpern, der Mann der Stunde: Ein geschwächter Mann, der dem politischen Verkehr nur noch aus der nötigen Distanz beizuwohnen vermag. Hier bedarf es nur einer kleinen Verschiebung in der gesellschaftlichen Dynamik, um einen kraftvolleren Mann auf das Podest zu heben. Es ist genau das, was sich im Umfeld Jelzins regt: "Starke Männer", die erkannt haben, daß ein Land danach schreit, daß endlich einer kommen soll, der ihm zeigt, wo es langgeht. Das wird nicht mehr die Stunde der Zentralbank sein, sondern die des "demokratischen Zentralismus", dessen Wirksamkeit aus Zeiten der KPdSU in Erinnerung sein sollte. Es sei denn - der Preis für die von der Krise geschüttelte Braut Rußland wird von anderer Seite bezahlt. Dazu aber müßte sich die Hypnose lösen. Und die Suggestion, jeder der zukünftigen Herrn und Meister, die schon in den Startlöchern stehen, wäre käuflich.


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