Text-Nummer: 0094

Schaltung am: 26.07.1996
Rubrik(en): Wirtschaft
Umfang des Textes in Zeichen: 4005
Verfasser(in): Franziska Timm
Geschrieben am: 26.07.1996
Kürzel: ti
Originaltitel: Sie sind immer noch nicht "im Internet"?
Copyright: Franziska Timm
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Diskussion/Leserbriefe:

Franziska Timm

Sie sind immer noch nicht "im Internet"?

Sie sind Verantwortlicher in einer kleinen oder mittelständischen Firma? Sie sind immer noch nicht "im Internet"? Sie wissen nicht einmal, was das ist? Wozu man das braucht? Welchen Nutzen es bringt? Dann gehören Sie zu den Leuten, die es vor noch nicht allzulanger Zeit vermieden hätten, mit der ersten Dampflock zu fahren, weil sie Angst hatten, vom Geschwindigkeitsrausch erfaßt zu werden. Das Internet mag zur Zeit noch eine Dampflock sein. Zum Transrapid wird es sich aber noch zu Zeiten Ihrer Geschäftstätigkeit entwickelt haben. Mit dem Unterschied, daß dieser dann sehr wohl an jeder Milchkanne halten wird.
Es war zu erwarten. Compuserve schlägt die Brücke zum Internet. Der weltweit zweitgrößte Online-Dienst hat die Zeichen der Zeit erkannt. Die Umstellung auf Internet-Format wurde unvermeidbar. Während also hier der Brückenschlag funktioniert, sehen viele kleine und mittelständische Unternehmen nicht einmal, daß es überhaupt Überbrückungsnotwendigkeiten gibt. Nämlich solche zwischen ihren konventionellen Geschäftstätigkeiten und den Geschäftsprozessen der nahen Zukunft. Was ist los?
Die Sprödigkeit und Kühle, mit der viele kleine und mittelständige Unternehmen den Möglichkeiten des Internets immer noch begegnen, ist verständlich. Abwarten ist hier die Devise. Zu ungenau scheinen Zielgruppenanalysen immer noch zu sein. Zu wenig kalkulierbar scheint das Verhältnis von Kosten und Nutzen einer Internetpräsentation, zumal für Unternehmen, deren Kapitaldecke unter den gegenwärtigen Bedingungen kaum noch die Eigenwärme hält. Wie sich da für neue Möglichkeiten erwärmen?
Aber gerade kleinere Unternehmen müssen aufpassen, daß sie nicht von einem Zug abgekoppelt werden, der mit atemberaubender Geschwindigkeit in die Zukunft des Kommunikations- und Dienstleistungsbereichs braust. Gerade für kleinere Firmen, die sich heute noch nicht vorstellen können, "wieso das Internet für uns interessant ist", gilt es, die Anschlußzeit nicht zu verpassen. Noch ist es Zeit, in Ruhe Konzepte zu entwickeln und Erfahrungen zu machen. Die Kosten hierfür sind in der Regel niedriger als allgemein angenommen. Und wer nicht nur mittelfristig plant, sondern sein Geschäft auch nach dem Jahr 2000 noch als konkurrenzfähiges Unternehmen führen will, der sollte sich die Analogie zu Post, Telephon und Fax vor Augen führen. Wer wäre heute noch in der Lage, seine Geschäfte ohne diese Kommunikationsmedien zu führen? Der Unterschied zu diesen ist jedoch nicht nur der qualitative Sprung, der durch die digitale Vernetzung stattgefunden hat und stattfindet. Ein Unterschied ist auch, daß es sich niemand mehr leisten kann, den Gebrauch neuer Techniken der nächsten Generation zu überlassen - denn diese wird unter den dann bestehenden Bedingungen wahrscheinlich kein Geschäft mehr vorfinden, das sie noch übernehmen und modernisieren könnte.
Abwarten und Teetrinken ist keine Strategie mehr. Vielmehr gilt es zur Zeit, beim Tee die entscheidenden Schritte zu unternehmen. In aller Ruhe. Denn die zeitlichen und finanziellen Aufwendungen, die für einen Einstieg ins Internet heute abgezweigt werden müssen, werden in keinem Verhältnis zu dem Aufwand stehen, der getrieben werden muß, wenn einst der Zugzwang besteht. Die erforderlichen Investitionen werden dann die unter Zugzwang geratenen kleinen Unternehmen überfordern. Teure Angestellte, die über das nötige know how verfügen, werden sie sich nicht leisten können. Und die Delegation der Präsentation an Internet-Server wird ein vielfaches kosten, wenn diese verwalten müssen, was man selbst verwalten könnte. Viel wichtiger aber wird der Faktor Zeit sein: Denn je später der Einstieg erfolgt, desto länger wird es dauern, den Markt im Sinne der eigenen Unternehmensinteressen nutzen zu können. Denn das Internet wird immer bleiben, was es ist: Ein Feld des learning by doing, das zu erobern niemand anders überlassen werden kann, weil es um das tägliche Brot gehen wird. Oder lassen Sie essen?


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