Franziska Timm
Im Netz des Lebens
Polizeiliche und gerichtliche Verfolgungen, Kontrollen
und Strafen haben es bisher nicht geschafft, das gesellschaftliche
Leben von Gesetzes- und Normverstößen zu
befreien. Pornographische Verstöße gegen
den Kinder- und Jugendschutz, Gewalt gegen Personen
und Sachen, Exhibitionismus und Voyeurismus, Formen
erdenklicher und (für manche) nicht erdenklicher
Niederträchtigkeiten und Abscheulichkeiten gehören,
sowenig mancher auch davon wissen will, zum alltäglichen
Leben. Niemand käme auf die Idee, gesellschaftliche
Verkehrsformen als solche in Frage zu stellen, nur
weil es Verkehrsteilnehmer gibt, die sie für sadistische
Neigungen oder kriminelle Zwecke nutzen. Niemand käme
auf die Idee, den Straßenverkehr zu unterbinden,
nur weil es einige Autofahrer gibt, die die Verkehrswege
nicht zum Transport nutzen, sondern als freie Bahn
für persönliche Triebabfuhr. Niemand ruft
nach neuen Gesetzen, weil nach einem Sieg in einem
Autorennen die Zahl der Raser sprunghaft steigt.
Im Hinblick auf das Internet wird hier ein anderer Ton
angeschlagen. Er hat gründet sich auf Illusionen,
die viel damit zu tun haben, daß man die Datenautobahnen
nur vom Hörensagen kennt. Aber der Effekt ist
nicht zu unterschätzen: Unternehmen, gerade in
Deutschland, verzichten auf die Teilnahme an einem
Verkehrssystem, nur weil sie glauben, das ganze Internet
sei ein einziger Rotlichtbezirk. Die aberwitzigsten
Gründe werden genannt, wenn Firmen auf ihre Enthaltsamkeit
befragt werden. Manche Verantwortliche scheinen den
Eindruck zu haben, ihnen werde die Unterstützung
einer kriminellen Vereinigung angetragen. Als sollten
sie einer Bande von Wegelagerern ins Netz gehen, die
nur ihren guten Ruf schänden will.
Solche Reaktionen sind denen von Firmen vergleichbar,
die ein Fuhrunternehmen deshalb nicht mit der Auslieferung
von Waren beauftragen, weil irgendwo an einer Raststätte
oder Nebenstraße auch ein paar Prostituierte
auf Mitnahme lauern. Andere Reaktionen wären denen
von Unternehmen vergleichbar, die damit warten, ein
zeitgemäßes Zahlungssystem zu nutzen, bis
auch das letzte Risiko einer Unterschriftenfälschung
garantiert beseitigt ist.
Solche Garantien gibt es im Internet so wenig wie in
traditionellen Formen des Geschäftsverkehrs. Auch
die - ohne Zweifel erforderlichen - gesetzlichen Regelungen
werden diese Garantien nicht schaffen. Man wird nicht
darum herumkommen - wie es auch den Gepflogenheiten
des sonstigen Geschäftsverkehrs entspricht - sich
der Integrität seiner Geschäftspartner zu
vergewissern. Von verantwortlichen Geschäftsleuten
aber gibt es im Bereich des Internets mehr als allgemein
angenommen wird. Man darf sie nur nicht von vornherein
als einer halbseidenen Zunft zugehörig erachten,
nur weil sie sich im selben Netz des Lebens bewegen
wie jene, die es zum Bauernfang nutzen.
Was ist das Internet? wird immer noch gefragt. Was soll
ich mir darunter vorstellen? Was kann man damit machen?
Kenner sollten sich, wenn sie mit solchen Fragen konfrontiert
werden, nicht zu langatmigen Erklärungen versteigen.
Sie sollten antworten: Alles was es im gesellschaftlichen
Verkehr und Zusammenleben gibt, gibt es auch im Internet.
Und wenn sie nicht damit klar kommen, daß sie
immer wieder in einen Stau geraten können, daß
es mal stockend oder zu schnell geht, daß es
zu Unfällen oder Gefahrensituationen kommen kann,
daß die Möglichkeit besteht, an jeder Ecke
übers Ohr gehauen zu werden, daß man auch
am hellichten Tag einem Exhibitionisten begegnen kann,
daß es bisweilen Blitzschläge gibt, die
ein Lagerhaus vernichten, daß eine Grippe die
Produktion lahmlegen kann, daß eine Überweisung
fehlgeleitet wird, daß es gute und schlechte
Dienstleister gibt, daß es Rückschläge
und überraschende Lösungen gibt, wenn Verantwortliche
also solches und mehr nicht verantworten können
wollen, dann werden sie sich in Zukunft einen neuen
Job suchen müssen. Denn das Internet ist zu einem
Bestandteil der Vernetzungen des Lebens geworden. Das
kann man bedauern oder begrüßen. Ignorieren
aber kann man es nicht.