Text-Nummer: 0114

Schaltung am: 27.08.96
Rubrik(en): Wirtschaft
Umfang des Textes in Zeichen: 4053
Verfasser(in): Franziska Timm
Geschrieben am: 26.08.96
Kürzel: ti
Originaltitel: Im Netz des Lebens
Copyright: Franziska Timm

Franziska Timm

Im Netz des Lebens

Polizeiliche und gerichtliche Verfolgungen, Kontrollen und Strafen haben es bisher nicht geschafft, das gesellschaftliche Leben von Gesetzes- und Normverstößen zu befreien. Pornographische Verstöße gegen den Kinder- und Jugendschutz, Gewalt gegen Personen und Sachen, Exhibitionismus und Voyeurismus, Formen erdenklicher und (für manche) nicht erdenklicher Niederträchtigkeiten und Abscheulichkeiten gehören, sowenig mancher auch davon wissen will, zum alltäglichen Leben. Niemand käme auf die Idee, gesellschaftliche Verkehrsformen als solche in Frage zu stellen, nur weil es Verkehrsteilnehmer gibt, die sie für sadistische Neigungen oder kriminelle Zwecke nutzen. Niemand käme auf die Idee, den Straßenverkehr zu unterbinden, nur weil es einige Autofahrer gibt, die die Verkehrswege nicht zum Transport nutzen, sondern als freie Bahn für persönliche Triebabfuhr. Niemand ruft nach neuen Gesetzen, weil nach einem Sieg in einem Autorennen die Zahl der Raser sprunghaft steigt.
Im Hinblick auf das Internet wird hier ein anderer Ton angeschlagen. Er hat gründet sich auf Illusionen, die viel damit zu tun haben, daß man die Datenautobahnen nur vom Hörensagen kennt. Aber der Effekt ist nicht zu unterschätzen: Unternehmen, gerade in Deutschland, verzichten auf die Teilnahme an einem Verkehrssystem, nur weil sie glauben, das ganze Internet sei ein einziger Rotlichtbezirk. Die aberwitzigsten Gründe werden genannt, wenn Firmen auf ihre Enthaltsamkeit befragt werden. Manche Verantwortliche scheinen den Eindruck zu haben, ihnen werde die Unterstützung einer kriminellen Vereinigung angetragen. Als sollten sie einer Bande von Wegelagerern ins Netz gehen, die nur ihren guten Ruf schänden will.
Solche Reaktionen sind denen von Firmen vergleichbar, die ein Fuhrunternehmen deshalb nicht mit der Auslieferung von Waren beauftragen, weil irgendwo an einer Raststätte oder Nebenstraße auch ein paar Prostituierte auf Mitnahme lauern. Andere Reaktionen wären denen von Unternehmen vergleichbar, die damit warten, ein zeitgemäßes Zahlungssystem zu nutzen, bis auch das letzte Risiko einer Unterschriftenfälschung garantiert beseitigt ist.
Solche Garantien gibt es im Internet so wenig wie in traditionellen Formen des Geschäftsverkehrs. Auch die - ohne Zweifel erforderlichen - gesetzlichen Regelungen werden diese Garantien nicht schaffen. Man wird nicht darum herumkommen - wie es auch den Gepflogenheiten des sonstigen Geschäftsverkehrs entspricht - sich der Integrität seiner Geschäftspartner zu vergewissern. Von verantwortlichen Geschäftsleuten aber gibt es im Bereich des Internets mehr als allgemein angenommen wird. Man darf sie nur nicht von vornherein als einer halbseidenen Zunft zugehörig erachten, nur weil sie sich im selben Netz des Lebens bewegen wie jene, die es zum Bauernfang nutzen.
Was ist das Internet? wird immer noch gefragt. Was soll ich mir darunter vorstellen? Was kann man damit machen? Kenner sollten sich, wenn sie mit solchen Fragen konfrontiert werden, nicht zu langatmigen Erklärungen versteigen. Sie sollten antworten: Alles was es im gesellschaftlichen Verkehr und Zusammenleben gibt, gibt es auch im Internet. Und wenn sie nicht damit klar kommen, daß sie immer wieder in einen Stau geraten können, daß es mal stockend oder zu schnell geht, daß es zu Unfällen oder Gefahrensituationen kommen kann, daß die Möglichkeit besteht, an jeder Ecke übers Ohr gehauen zu werden, daß man auch am hellichten Tag einem Exhibitionisten begegnen kann, daß es bisweilen Blitzschläge gibt, die ein Lagerhaus vernichten, daß eine Grippe die Produktion lahmlegen kann, daß eine Überweisung fehlgeleitet wird, daß es gute und schlechte Dienstleister gibt, daß es Rückschläge und überraschende Lösungen gibt, wenn Verantwortliche also solches und mehr nicht verantworten können wollen, dann werden sie sich in Zukunft einen neuen Job suchen müssen. Denn das Internet ist zu einem Bestandteil der Vernetzungen des Lebens geworden. Das kann man bedauern oder begrüßen. Ignorieren aber kann man es nicht.


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