Text-Nummer: 0126

Schaltung am: 18.09.96
Rubrik(en): Wirtschaft, Politik
Umfang des Textes in Zeichen: 6789
Verfasser(in): Ulrich Kerner
Originaltitel: Sparen
Copyright: Ulrich Kerner

Ulrich Kerner

Sparen

Es vergeht kein Tag, an dem Genforscher nicht einen neuen DNS-Abschnitt entschlüsseln. Beim wissenschaftliche Streit darüber, wie lange es dauert, bis mündlich überlieferte Bedingungen menschlichen Zusammenlebens sich als kulturelle Gesetzmäßigkeiten fixieren, und wie lange es dauert, bis sich diese im genetischen Code sedimentieren, ist ein Ende nicht absehbar. Unterstellt, daß die Frage kollektiver Mentalitäten etwas mit diesem Streit zu tun hat, und unterstellt, daß es ziemlich lange (aber doch nicht unvorstellbar lange) dauert, bis sich Neigungen einzelner kollektivieren: dann wird es nicht lange dauern, bis Gentechniker in den DNS der Deutschen die Spar-Gensequenz finden. Wir sind davon überzeugt: Die Spar-Gensequenz ist dafür verantwortlich, daß die CDU die nächsten Bundestagswahlen nicht wegen der Sparpakete verlieren wird, dieser besonderen Art von Care-Paketen für die Zukunft Deutschlands. Denn die Deutschen sind ganz offensichtlich von einem Hang zur Duldsamkeit charakterisiert, der erstaunliche Züge annimmt, sobald irgendeine Entbehrung mit dem Hinweis auf die Notwendigkeit des Sparens begründet wird. Auch deutsche Sparsamkeit erscheint also als Zug einer Mentalität, die andere Nationen bisweilen befremdet.
Der Hang zur Duldsamkeit ist nur dann zu erklären, wenn sich darin ein besonderer kollektiver Genuß zeigt. Natürlich gibt es auch hier - wie in vielen anderen Bereichen, die mit Genuß zu tun haben - Rationalisierungen des Verhaltens. Politiker zum Beispiel, die an die Vernunft der Bürger appellieren (und diese Vernunft befriedigt am Werke sehen, wenn ihre Sparprogramme auf eine erstaunliche Akzeptanz treffen), sprechen von einer mündigen Entscheidung. Manche meinen allen Ernstes, die Bürger hätten sich von Argumenten überzeugen lassen, wenn sie den Gürtel freiwillig um ein weiteres Loch enger schnallen. Manche glauben allen Ernstes, das erneute Votum für eine Partei habe mit deren ausgewogenen Sparkonzepten zu tun: Etwa im Sinne dessen, daß man für denjenigen votiert, der die wirkungsvollste Diät zu kennen verspricht. Nein. Die Bürger wollen sparen, obwohl sie wissen, daß keine der versprochenen Kuren dazu führen wird, daß dereinst Mangel in ideale Maße umschlägt.
Die Sparappelle der gegenwärtigen Politik rühren an einen tief verankerten Wunsch kollektiver Duldsamkeit: Wir wollen den Mangel. In früheren Jahren wünschte man ihn den jungen Menschen. Man wünschte ihnen den Krieg, damit sie wiedereinmal schätzen lernten, was sie besaßen. Heute hat man sich von derartigen martialischen Forderungen entfernt. Dafür behauptet man einfach, daß die "fetten Jahre" vorbei seien.
Lassen wir offen, ob sich kollektive Mentalitäten letztlich genetisch einschreiben. Immerhin schreiben sie sich in sprichwörtliche Wendungen ein, die derart oft wiederholt werden, daß es letztlich keinen Unterschied macht, ob es sich um einen genetischen oder sprachlichen Code handelt. "Spare in der Zeit, so hast Du in der Not": Es ist erstaunlich, daß es die Wirksamkeit dieses Satzes war, die die fetten Jahre produzierte. Der Soziologe Max Weber nannte die etwas kompliziertere Variante dieses Satzes einmal "protestantische Ethik".
Eine gewisse Form der Perfidie gegenwärtiger Sparappelle liegt nun darin, daß behauptet wird, es werde an allen Ecken und Enden gespart. Und eine weitere Perfidie liegt darin, daß an das Sparen appelliert wird, obwohl es eigentlich um das Stopfen von bestehenden Löchern geht. Beide Appelle aber führen in die Irre. Ein etwas genauerer Blick auf die Ausgabenpolitik der öffentlichen Hand zeigt, daß bei weitem nicht an allen Ecken und Enden gespart wird, sondern vor allem bei jenen, die es gewohnt sind, den Gürtel enger zu schnallen. Und der Mangel, der sich in klaffenden Löchern der Haushalte zeigt, ist kein absoluter, sondern einer, der dadurch zustande kommt, daß es an anderen Stellen Überfluß gibt. Tatsächlich liegen die Dinge ziemlich einfach. Politiker sprechen schnell von "Sozialneid", wenn jemand dieser Einfachheit auf die Spur kommt. Akkumulierter Überfluß nämlich zeigt sich überall dort, wo fette Etats und ihre Verausgabung deutlich machen, daß mancher nicht weiß, wohin mit seinem Geld. Das Gezeter, das höhere Besteuerungen abwehren soll, verschafft sich mit Vorliebe im Umkreis solchen akkumulierten Überflusses Gehör. Und es wird von politischer Seite ebenso erhört wie die offenbar konstitutionelle Duldsamkeit jener, die Sparen für ein Naturgesetz der Ökonomie halten.
Die herrschende Ethik bedarf einer neuen Beleuchtung. Und auch die Frage nach der Duldsamkeit jener, die Tag für Tag der Verschwendung von Ressourcen und Mitteln begegnen. Es gilt, wieder ganz einfache Fragen zu stellen. Dann nämlich, wenn das nächste Loch im Gürtel einen qualitativen Sprung erzeugt: zum Beispiel den Sprung vom Hunger nach "Kultur" zum Hunger nach menschenwürdigem Wohnen oder zum Hunger nach täglichem Brot. Mit anderen Worten: Es gilt, kollektive Verausgabungen zu befragen, für die am eigenen Leib und Genuß zu sparen uns allen selbstverständlich geworden ist. Die Frage ist nämlich, ob es die das Sparen Genießenden wirklich befriedigt, in luxuriöser Weise repräsentiert zu werden, während sie selbst meinen, ihr Sparen hätte irgendetwas mit der Zukunft ihrer Kinder zu tun. Wie brüchig solche Wechsel auf die Zukunft sind, merken heute schon all jene, die den Versprechen einer sozialen Sicherung vertrauten und sich jetzt mit Prognosen einer privaten Absicherungsnotwendigkeit konfrontiert finden, die mit ihrer individuellen Lebensplanung wenig zu tun haben.
Die Menschen beginnen sich zu fragen, ob die Ausgaben, die stellvertretend für sie (und ihre Kinder) getätigt werden, notwendige Ausgaben sind. Mit anderen Worten: Die Deutschen beginnen sich zu fragen, ob sich nicht manches wirklich für die Zukunft sparen ließe - statt unter dem Etikett des Sparens schlicht umverteilt zu werden. Auch wenn die Politik also auf die Spar-Gene der Deutschen spekulieren kann - sie sollte es nicht zu weit treiben. Denn eben diese Mentalität könnte auch Antworten fordern, wo denn das Ersparte geblieben ist. Die Antwort: "Der Genuß, den wir Euch erspart haben, steckt in kollektiven Anstrengungen" könnte dann nicht mehr ausreichen, wenn die Fragenden keine Chance mehr haben, dieser Anstrengungen - in welcher Form immer - teilhaftig zu werden. Und es könnte sein, daß in der angestrebten "Zweidrittelgesellschaft" das unterste Drittel sein Ausgeschlossensein nicht mehr gleichgültig genießt, sondern es sich erspart, einer Ethik zu folgen, die eine Ethik der oberen zwei Drittel für das untere Drittel ist. Doch vielleicht rationalisiert die Politik auch das schon und wir merken gar nicht, daß wir alle schon für die Stacheldrahtzäune sparen, die einst die Genußsphären unserer Gesellschaft voneinander trennen sollen.


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