Ulrich Kerner
Sparen
Es vergeht kein Tag, an dem Genforscher nicht einen
neuen DNS-Abschnitt entschlüsseln. Beim wissenschaftliche
Streit darüber, wie lange es dauert, bis mündlich
überlieferte Bedingungen menschlichen Zusammenlebens
sich als kulturelle Gesetzmäßigkeiten fixieren,
und wie lange es dauert, bis sich diese im genetischen
Code sedimentieren, ist ein Ende nicht absehbar. Unterstellt,
daß die Frage kollektiver Mentalitäten etwas
mit diesem Streit zu tun hat, und unterstellt, daß
es ziemlich lange (aber doch nicht unvorstellbar lange)
dauert, bis sich Neigungen einzelner kollektivieren:
dann wird es nicht lange dauern, bis Gentechniker in
den DNS der Deutschen die Spar-Gensequenz finden. Wir
sind davon überzeugt: Die Spar-Gensequenz ist
dafür verantwortlich, daß die CDU die nächsten
Bundestagswahlen nicht wegen der Sparpakete verlieren
wird, dieser besonderen Art von Care-Paketen für
die Zukunft Deutschlands. Denn die Deutschen sind ganz
offensichtlich von einem Hang zur Duldsamkeit charakterisiert,
der erstaunliche Züge annimmt, sobald irgendeine
Entbehrung mit dem Hinweis auf die Notwendigkeit des
Sparens begründet wird. Auch deutsche Sparsamkeit
erscheint also als Zug einer Mentalität, die andere
Nationen bisweilen befremdet.
Der Hang zur Duldsamkeit ist nur dann zu erklären,
wenn sich darin ein besonderer kollektiver Genuß
zeigt. Natürlich gibt es auch hier - wie in vielen
anderen Bereichen, die mit Genuß zu tun haben
- Rationalisierungen des Verhaltens. Politiker zum
Beispiel, die an die Vernunft der Bürger appellieren
(und diese Vernunft befriedigt am Werke sehen, wenn
ihre Sparprogramme auf eine erstaunliche Akzeptanz
treffen), sprechen von einer mündigen Entscheidung.
Manche meinen allen Ernstes, die Bürger hätten
sich von Argumenten überzeugen lassen, wenn sie
den Gürtel freiwillig um ein weiteres Loch enger
schnallen. Manche glauben allen Ernstes, das erneute
Votum für eine Partei habe mit deren ausgewogenen
Sparkonzepten zu tun: Etwa im Sinne dessen, daß
man für denjenigen votiert, der die wirkungsvollste
Diät zu kennen verspricht. Nein. Die Bürger
wollen sparen, obwohl sie wissen, daß keine der
versprochenen Kuren dazu führen wird, daß
dereinst Mangel in ideale Maße umschlägt.
Die Sparappelle der gegenwärtigen Politik rühren
an einen tief verankerten Wunsch kollektiver Duldsamkeit:
Wir wollen den Mangel. In früheren Jahren wünschte
man ihn den jungen Menschen. Man wünschte ihnen
den Krieg, damit sie wiedereinmal schätzen lernten,
was sie besaßen. Heute hat man sich von derartigen
martialischen Forderungen entfernt. Dafür behauptet
man einfach, daß die "fetten Jahre"
vorbei seien.
Lassen wir offen, ob sich kollektive Mentalitäten
letztlich genetisch einschreiben. Immerhin schreiben
sie sich in sprichwörtliche Wendungen ein, die
derart oft wiederholt werden, daß es letztlich
keinen Unterschied macht, ob es sich um einen genetischen
oder sprachlichen Code handelt. "Spare in der
Zeit, so hast Du in der Not": Es ist erstaunlich,
daß es die Wirksamkeit dieses Satzes war, die
die fetten Jahre produzierte. Der Soziologe Max Weber
nannte die etwas kompliziertere Variante dieses Satzes
einmal "protestantische Ethik".
Eine gewisse Form der Perfidie gegenwärtiger Sparappelle
liegt nun darin, daß behauptet wird, es werde
an allen Ecken und Enden gespart. Und eine weitere
Perfidie liegt darin, daß an das Sparen appelliert
wird, obwohl es eigentlich um das Stopfen von bestehenden
Löchern geht. Beide Appelle aber führen in
die Irre. Ein etwas genauerer Blick auf die Ausgabenpolitik
der öffentlichen Hand zeigt, daß bei weitem
nicht an allen Ecken und Enden gespart wird, sondern
vor allem bei jenen, die es gewohnt sind, den Gürtel
enger zu schnallen. Und der Mangel, der sich in klaffenden
Löchern der Haushalte zeigt, ist kein absoluter,
sondern einer, der dadurch zustande kommt, daß
es an anderen Stellen Überfluß gibt. Tatsächlich
liegen die Dinge ziemlich einfach. Politiker sprechen
schnell von "Sozialneid", wenn jemand dieser
Einfachheit auf die Spur kommt. Akkumulierter Überfluß
nämlich zeigt sich überall dort, wo fette
Etats und ihre Verausgabung deutlich machen, daß
mancher nicht weiß, wohin mit seinem Geld. Das
Gezeter, das höhere Besteuerungen abwehren soll,
verschafft sich mit Vorliebe im Umkreis solchen akkumulierten
Überflusses Gehör. Und es wird von politischer
Seite ebenso erhört wie die offenbar konstitutionelle
Duldsamkeit jener, die Sparen für ein Naturgesetz
der Ökonomie halten.
Die herrschende Ethik bedarf einer neuen Beleuchtung.
Und auch die Frage nach der Duldsamkeit jener, die
Tag für Tag der Verschwendung von Ressourcen und
Mitteln begegnen. Es gilt, wieder ganz einfache Fragen
zu stellen. Dann nämlich, wenn das nächste
Loch im Gürtel einen qualitativen Sprung erzeugt:
zum Beispiel den Sprung vom Hunger nach "Kultur"
zum Hunger nach menschenwürdigem Wohnen oder zum
Hunger nach täglichem Brot. Mit anderen Worten:
Es gilt, kollektive Verausgabungen zu befragen, für
die am eigenen Leib und Genuß zu sparen uns allen
selbstverständlich geworden ist. Die Frage ist
nämlich, ob es die das Sparen Genießenden
wirklich befriedigt, in luxuriöser Weise repräsentiert
zu werden, während sie selbst meinen, ihr Sparen
hätte irgendetwas mit der Zukunft ihrer Kinder
zu tun. Wie brüchig solche Wechsel auf die Zukunft
sind, merken heute schon all jene, die den Versprechen
einer sozialen Sicherung vertrauten und sich jetzt
mit Prognosen einer privaten Absicherungsnotwendigkeit
konfrontiert finden, die mit ihrer individuellen Lebensplanung
wenig zu tun haben.
Die Menschen beginnen sich zu fragen, ob die Ausgaben,
die stellvertretend für sie (und ihre Kinder)
getätigt werden, notwendige Ausgaben sind. Mit
anderen Worten: Die Deutschen beginnen sich zu fragen,
ob sich nicht manches wirklich für die Zukunft
sparen ließe - statt unter dem Etikett des Sparens
schlicht umverteilt zu werden. Auch wenn die Politik
also auf die Spar-Gene der Deutschen spekulieren kann
- sie sollte es nicht zu weit treiben. Denn eben diese
Mentalität könnte auch Antworten fordern,
wo denn das Ersparte geblieben ist. Die Antwort: "Der
Genuß, den wir Euch erspart haben, steckt in
kollektiven Anstrengungen" könnte dann nicht
mehr ausreichen, wenn die Fragenden keine Chance mehr
haben, dieser Anstrengungen - in welcher Form immer
- teilhaftig zu werden. Und es könnte sein, daß
in der angestrebten "Zweidrittelgesellschaft"
das unterste Drittel sein Ausgeschlossensein nicht
mehr gleichgültig genießt, sondern es sich
erspart, einer Ethik zu folgen, die eine Ethik der
oberen zwei Drittel für das untere Drittel ist.
Doch vielleicht rationalisiert die Politik auch das
schon und wir merken gar nicht, daß wir alle
schon für die Stacheldrahtzäune sparen, die
einst die Genußsphären unserer Gesellschaft
voneinander trennen sollen.