Text-Nummer: 0129

Schaltung am: 25.09.96
Rubrik(en): Wirtschaft
Umfang des Textes in Zeichen: 6157
Verfasser(in): Hermann Althaus
Originaltitel: Die Rückkehr des Mentors
Copyright: Hermann Althaus

Hermann Althaus

Die Rückkehr des Mentors

Wenn über den Standort Deutschland gesprochen wird, so machen Unternehmensberater, die über den Kirchturmhorizont blicken, keinen Hehl daraus, daß bei Großunternehmen die Zeichen auf eine Verlagerung der Produktionsstätten stehen. Auf die Entwicklung in Deutschland befragt, steht bei ihnen eine Klage und eine Hoffnung im Vordergrund: Angesichts der weltweit steigenden Leistungen und Qualitätssteigerungen zeige die deutsche Wirtschaft Züge der Saturiertheit und Trägheit; im Blick auf den Standort Deutschland sei innovative Kraft vor allem von neuen kleineren und mittelständischen Unternehmen zu erwarten. Diese Einschätzung korrespondiert im Wesentlichen politischen Forderungen nach einer neuen Gründerzeit.
Doch woher soll das kreative Potential kommen, woher sollen die kreativen Gründer kommen, deren Ausbildungsgänge in der Regel auf Sicherheit und Beharrungsvermögen abgestimmt sind? Wer nimmt sich der Ideen der kreativen Gründer an, unabhängig von deren scheinbarer schulischer oder akademischer Qualifikation? Wo zeigen sich Anzeichen, daß pädagogische Trägheiten als Problem wahrgenommen werden, wo Interventionen, die herrschende Berufsbildvorstellungen relativieren? Gut, da gibt es Chefredakteure von Fernsehredaktionen, die behaupten, daß in ihrem Arbeitsbereich nur bestimmte Mitarbeiter ein abgeschlossenes Studium nachweisen können: Sekretäre und Sekretärinnen. Gut, die ersten beginnen sich darüber Gedanken zu machen, warum eine anwachsende Zahl junger Menschen ihre Ausbildung abbricht, um andere Wege zu gehen. Und es keimt auch eine Ahnung auf, daß es sich bei all diesen jungen Leuten nicht um "gescheiterte Existenzen" handelt, sondern vielleicht auch um Existenzen, die vor einem institutionell angelegten Scheitern die Notbremse gezogen haben.
Doch wo sind die Initiativen, die - außerhalb der bestehenden Protegierungstrukturen wie Burschenschaften, Freimaurerverbindungen, exklusiven Clubs wie Rotary - gerade jene abholen und fördern, die im Sinne einer neuen Gründerzeit kreativ sein könnten, gerade weil sie sich nicht auf erstarrte Konventionen und Initiationsrituale einlassen. Gemeint sind die nichtarrivierten und individuellen Initiativen, die sich vielleicht als Tätigkeit von Mentoren beschreiben ließen.
Was ist ein Mentor? Oder besser: Wie könnte ein zeitgemäßer Mentor beschrieben werden, der die Kriterien für seine Betreuung nicht aus Traditionen bezieht, die unter Umständen zur beklagten Situation beigetragen haben? Und welchem Geist wäre ein solcher Mentor verpflichtet? Die letzte Frage ist einfach zu beantworten: Dem Geist, der bestehende Strukturen nicht ausfüllt, sondern sie produktiv stört und in Bewegung setzt; einem Geist also, der zwar nicht stets, aber doch auch immer öfter sich selbst verneint; einem Geist, der neugierig auf neue Lösungen und Initiativen macht; der sich das Feld seiner Verausgabung nicht von bestehenden Rationalitäten vorgeben läßt; dem Geist der produktiven Erneuerung also.
Demgemäß wäre ein zeitgemäßer Mentor dem Zeitgeist auf der Spur und hätte ein Interesse daran, daß dieser nicht nur in Räumen Gestalt annimmt, für die das Wort "Zeitgeist" heute gerne reserviert wird: den Räumen der Jugendkultur, der Mode, der Kunst, des für fragwürdig gehaltenen Modernismus, gegen den Traditionen ihr Beharrungsvermögen aufzubieten haben. Was Unternehmensberater heute fordern (in seltsamem Einklang mit einer Politik, die ihre Werte an eben jenem Traditionalismus orientiert), das ist die Kreativität einer neuen Moderne, einer wirtschaftlichen Avantgarde. Noch ahnt der kulturelle Konservatismus nicht, daß er mit seinen ökonomischen Forderungen die Qualität seiner eigenen kulturellen Ressourcen befragt.
Von der Rückkehr des Mentors zu sprechen, heißt also nicht, von Förderern bestehender Interessensgruppen zu sprechen. Ein Mentor betreut hoffnungsvolle Leute nicht im Geiste einer vergangenen Zeit, sondern in dem seiner eigenen und in dem der Zukunft. Wer heute als Mentor dazu beitragen will, gegen bestehende Trägheiten etwas in Gang zu setzen, eine neue Gründerzeit zu befördern, der wird die Aufmerksamkeit auf Initiativen und Ideen richten müssen, die auf den ersten Blick nicht dem Gewohnten entsprechen. Nur so lassen sich neue unternehmerische Wege und Projekte bemerken. Mit anderen Worten: Ein Mentor muß sich Zeit nehmen und verstehen, daß dies notwendig ist, damit der Zeit der Geist nicht davonläuft und sich einzig auf Feldern verausgabt, denen der Konservatismus den Charakter einer kreativen Idylle zubilligt.
Ein Mentor: Das kann jeder sein, der über ausreichend unternehmerische Erfahrung verfügt, um die kreativen Verausgabungen Einzelner an die Anforderungen der Realitäten der Zukunft zurückzubinden. Überwindung der Trägheit heißt: Den Blick schweifen zu lassen und von sich aus die Initiative zu ergreifen, um auf den ersten Blick scheinbar illusionäre Projekte ausfindig zu machen. Von saturierter Trägheit Abschied zu nehmen heißt auch, Einzelne dazu zu ermuntern, ihre Anliegen vertrauensvoll vorzutragen - ohne daß sie befürchten müssen, daß eine Geschäftsidee brutal enteignet wird. Für den zeitgemäßen Mentor ist Unternehmensethik also kein Synonym für solipsistisches Eigeninteresse. Wer heute noch meint, für solche Kontakte keine Zeit zu haben, der verzichtet nicht nur auf das Spannendste: das Gespräch mit jungen und junggebliebenen Leuten; der verzichtet auch darauf, sich von den Abenteuern und Aufregungen einer neuen Gründerzeit mitreißen zu lassen.
Vielleicht keimt gerade eine Ahnung davon auf, welche Ressourcen brach liegenbleiben, nur weil die Ausübung einer rituellen Verpflichtung wichtiger scheint als ein intensives Gespräch, nur weil die Anschaffung eines weiteren Automobils wichtiger scheint als das bißchen Gründungskapital für eine GmbH. Man sage nicht, daß es keine Geschätsideen gibt, die die Auseinandersetzung lohnen. (Ich weise Sie gerne darauf hin.) Und was hat mancher schon verloren, wenn es wirklich einmal nicht klappt: Als vielleicht einen langweiligen Abend pro Monat und einen Bruchteil der Jahresvergütung, der üblicherweise ohnehin abgeschrieben wird.


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