Hermann Althaus
Die Rückkehr des Mentors
Wenn über den Standort Deutschland gesprochen wird,
so machen Unternehmensberater, die über den Kirchturmhorizont
blicken, keinen Hehl daraus, daß bei Großunternehmen
die Zeichen auf eine Verlagerung der Produktionsstätten
stehen. Auf die Entwicklung in Deutschland befragt,
steht bei ihnen eine Klage und eine Hoffnung im Vordergrund:
Angesichts der weltweit steigenden Leistungen und Qualitätssteigerungen
zeige die deutsche Wirtschaft Züge der Saturiertheit
und Trägheit; im Blick auf den Standort Deutschland
sei innovative Kraft vor allem von neuen kleineren
und mittelständischen Unternehmen zu erwarten.
Diese Einschätzung korrespondiert im Wesentlichen
politischen Forderungen nach einer neuen Gründerzeit.
Doch woher soll das kreative Potential kommen, woher
sollen die kreativen Gründer kommen, deren Ausbildungsgänge
in der Regel auf Sicherheit und Beharrungsvermögen
abgestimmt sind? Wer nimmt sich der Ideen der kreativen
Gründer an, unabhängig von deren scheinbarer
schulischer oder akademischer Qualifikation? Wo zeigen
sich Anzeichen, daß pädagogische Trägheiten
als Problem wahrgenommen werden, wo Interventionen,
die herrschende Berufsbildvorstellungen relativieren?
Gut, da gibt es Chefredakteure von Fernsehredaktionen,
die behaupten, daß in ihrem Arbeitsbereich nur
bestimmte Mitarbeiter ein abgeschlossenes Studium nachweisen
können: Sekretäre und Sekretärinnen.
Gut, die ersten beginnen sich darüber Gedanken
zu machen, warum eine anwachsende Zahl junger Menschen
ihre Ausbildung abbricht, um andere Wege zu gehen.
Und es keimt auch eine Ahnung auf, daß es sich
bei all diesen jungen Leuten nicht um "gescheiterte
Existenzen" handelt, sondern vielleicht auch um
Existenzen, die vor einem institutionell angelegten
Scheitern die Notbremse gezogen haben.
Doch wo sind die Initiativen, die - außerhalb
der bestehenden Protegierungstrukturen wie Burschenschaften,
Freimaurerverbindungen, exklusiven Clubs wie Rotary
- gerade jene abholen und fördern, die im Sinne
einer neuen Gründerzeit kreativ sein könnten,
gerade weil sie sich nicht auf erstarrte Konventionen
und Initiationsrituale einlassen. Gemeint sind die
nichtarrivierten und individuellen Initiativen, die
sich vielleicht als Tätigkeit von Mentoren beschreiben
ließen.
Was ist ein Mentor? Oder besser: Wie könnte ein
zeitgemäßer Mentor beschrieben werden, der
die Kriterien für seine Betreuung nicht aus Traditionen
bezieht, die unter Umständen zur beklagten Situation
beigetragen haben? Und welchem Geist wäre ein
solcher Mentor verpflichtet? Die letzte Frage ist einfach
zu beantworten: Dem Geist, der bestehende Strukturen
nicht ausfüllt, sondern sie produktiv stört
und in Bewegung setzt; einem Geist also, der zwar nicht
stets, aber doch auch immer öfter sich selbst
verneint; einem Geist, der neugierig auf neue Lösungen
und Initiativen macht; der sich das Feld seiner Verausgabung
nicht von bestehenden Rationalitäten vorgeben
läßt; dem Geist der produktiven Erneuerung
also.
Demgemäß wäre ein zeitgemäßer
Mentor dem Zeitgeist auf der Spur und hätte ein
Interesse daran, daß dieser nicht nur in Räumen
Gestalt annimmt, für die das Wort "Zeitgeist"
heute gerne reserviert wird: den Räumen der Jugendkultur,
der Mode, der Kunst, des für fragwürdig gehaltenen
Modernismus, gegen den Traditionen ihr Beharrungsvermögen
aufzubieten haben. Was Unternehmensberater heute fordern
(in seltsamem Einklang mit einer Politik, die ihre
Werte an eben jenem Traditionalismus orientiert), das
ist die Kreativität einer neuen Moderne, einer
wirtschaftlichen Avantgarde. Noch ahnt der kulturelle
Konservatismus nicht, daß er mit seinen ökonomischen
Forderungen die Qualität seiner eigenen kulturellen
Ressourcen befragt.
Von der Rückkehr des Mentors zu sprechen, heißt
also nicht, von Förderern bestehender Interessensgruppen
zu sprechen. Ein Mentor betreut hoffnungsvolle Leute
nicht im Geiste einer vergangenen Zeit, sondern in
dem seiner eigenen und in dem der Zukunft. Wer heute
als Mentor dazu beitragen will, gegen bestehende Trägheiten
etwas in Gang zu setzen, eine neue Gründerzeit
zu befördern, der wird die Aufmerksamkeit auf
Initiativen und Ideen richten müssen, die auf
den ersten Blick nicht dem Gewohnten entsprechen. Nur
so lassen sich neue unternehmerische Wege und Projekte
bemerken. Mit anderen Worten: Ein Mentor muß
sich Zeit nehmen und verstehen, daß dies notwendig
ist, damit der Zeit der Geist nicht davonläuft
und sich einzig auf Feldern verausgabt, denen der Konservatismus
den Charakter einer kreativen Idylle zubilligt.
Ein Mentor: Das kann jeder sein, der über ausreichend
unternehmerische Erfahrung verfügt, um die kreativen
Verausgabungen Einzelner an die Anforderungen der Realitäten
der Zukunft zurückzubinden. Überwindung der
Trägheit heißt: Den Blick schweifen zu lassen
und von sich aus die Initiative zu ergreifen, um auf
den ersten Blick scheinbar illusionäre Projekte
ausfindig zu machen. Von saturierter Trägheit
Abschied zu nehmen heißt auch, Einzelne dazu
zu ermuntern, ihre Anliegen vertrauensvoll vorzutragen
- ohne daß sie befürchten müssen, daß
eine Geschäftsidee brutal enteignet wird. Für
den zeitgemäßen Mentor ist Unternehmensethik
also kein Synonym für solipsistisches Eigeninteresse.
Wer heute noch meint, für solche Kontakte keine
Zeit zu haben, der verzichtet nicht nur auf das Spannendste:
das Gespräch mit jungen und junggebliebenen Leuten;
der verzichtet auch darauf, sich von den Abenteuern
und Aufregungen einer neuen Gründerzeit mitreißen
zu lassen.
Vielleicht keimt gerade eine Ahnung davon auf, welche
Ressourcen brach liegenbleiben, nur weil die Ausübung
einer rituellen Verpflichtung wichtiger scheint als
ein intensives Gespräch, nur weil die Anschaffung
eines weiteren Automobils wichtiger scheint als das
bißchen Gründungskapital für eine GmbH.
Man sage nicht, daß es keine Geschätsideen
gibt, die die Auseinandersetzung lohnen. (Ich weise
Sie gerne darauf hin.) Und was hat mancher schon verloren,
wenn es wirklich einmal nicht klappt: Als vielleicht
einen langweiligen Abend pro Monat und einen Bruchteil
der Jahresvergütung, der üblicherweise ohnehin
abgeschrieben wird.