Thomas Leitner
Entwicklungsland Deutschland
Kaum jemand noch macht sich darüber Illusionen,
daß der pausbäckige Optimismus der Wendezeit,
der Anschluß Ostdeutschlands an des Wirtschaftswachstum
des Westens könne mit der linken Hand bewerkstelligt
werden. Das Herbstgutachten der führenden wirtschaftswissenschaftlichen
Forschungsinstitute präsentiert jenen die Rechnung,
die sich auf Kosten der ostdeutschen Wirtschaft über
eine realistischen Bestandsaufnahme und Bilanz hinweggesetzt
haben. Jene, die fasziniert vom politischen Zeitraffer
die Augen vor der wirtschaftlichen Zukunft des Landes
verschlossen haben, stehen nun gebannt vor dem Umspringen
der Perspektive in die Zeitlupe. Politische Lähmung
macht sich breit. Ob Sket oder Leuna oder die norddeutschen
Werften: Man wurschtelt herum, wartet, läßt
es laufen und sagt dann: Hoppla. Das war's dann wohl.
Naja. Man redet sich damit heraus, daß niemand
Rezepte kenne. Man macht verantwortlich (das hohe Lohnniveau
im Osten, die Abhängigkeit ostdeutscher Unternehmen
von westdeutschen Mutterunternehmen, die geringen Kapitaldecken)
und stiehlt sich angesichts der geschaffenen Sachzwänge
aus der Verantwortung. Man verhält sich so, als
handele es sich um ein unkontrollierbares Gewitter,
dessen Wolken über Ostdeutschland aufziehen, als
sei man gegenüber wirtschaftlichen Naturgewalten
ohnehin machtlos. Man packt insgeheim schon die Koffer,
um sich an wirtlicheren Gestaden niederzulassen. Man
spricht von Wachstumszahlen als von "Hoffnungswerten"
und über die "innere Labilität des Aufschwungs",
als sei die ostdeutsche Wirtschaft ein schlappes Würstchen,
dem die psychologisch richtige Einstellung fehlt, um
das Reck zu bewältigen. Man redet in der Sprache
der Vorturner und beklagt die fehlende Moral der Riegen.
Man will das Beste des Ostens und ärgert sich
darüber, daß er es nicht gibt. Man behauptet,
selbst das Beste zu geben und gibt Empfehlungen, wie
Hemmschuhe gewechselt werden sollten. Man hat immer
noch nicht begriffen, daß Deutschland ein anderes
Land geworden ist und als solches eine Wirtschaft zu
entwickeln hat, die seinen Fähigkeiten entspricht.
Man hat immer noch nicht begriffen, daß aus Deutschland
der neue Typus eines hochindustrialisierten Entwicklungslandes
geworden ist und daß Hilfe zur Selbsthilfe in
diesem bedeutet, den Übergang zu einer postindustriellen
Gesellschaft entschlossen zu befördern. Man fährt
fort, das Ideal einer mobilen Gesellschaft auszupinseln,
während diese stagnierend zum Stillstand kommt
- ohne auch nur an die Frage zu rühren, was Mobilität
unter veränderten wirtschaftlichen Bedingungen
bedeutet. Man entläßt "manpower"
- und senkt die Kaufkraft -, ohne die "manpower"
freizusetzen, die den Ressourcen der Bevölkerung
entspricht. Man fragt sich nicht, was Arbeit und Kraft
vermag, sondern phantasiert über Fähigkeiten,
für die es keine Träger gibt. Und man demonstriert
dies am eigenen Beispiel. Man übersieht, in welcher
Hinsicht man sich vorbildhaft verhält und beklagt
sich darüber, daß solchen Vorbildern gefolgt
wird. Man wird die Parole ausgeben: Rette sich, wer
kann. Man wird einen Scherbenhaufen hinterlassen, und
zwar denjenigen, die zur Zeit nicht gefragt sind oder
werden, denn man schreibt Stellen für Abwickler
aus statt Stellen für Entwickler. Man folgt Strategien,
die nicht zwischen der Krise in der Industriegesellschaft
und der Krise der Industriegesellschaft unterscheiden.
Und man fährt fort, den Menschen vorzugaukeln,
daß man das Ding schon schaukeln werde. Man fährt
also fort, die Menschen zu verschaukeln und wundert
sich darüber, daß sie die Ärmel nicht
aufkrempeln, weil sie nicht wissen, wie sie was anpacken
sollen. Man fährt fort, auf alternative Konzepte
zu pfeiffen, um sich im dunklen Wald Mut zu machen.
Ceterum censeo: Es ist höchste Zeit, Bonn dichtzumachen,
damit die Politik sich "vor Ort" der Tatsache
vergewissern kann, daß die aktuelle deutsche
Politik nur eine "ostdeutsche" sein kann.