Text-Nummer: 0149

Schaltung am: 13.11.96
Rubrik(en): Wirtschaft
Umfang des Textes in Zeichen: 2366
Verfasser(in): Ulrich Kerner
Originaltitel: Gegen die Anarchie des Marktes
Copyright: Ulrich Kerner

Ulrich Kerner

Gegen die Anarchie des Marktes

Wer die Einigung über die Mindestlöhne in der Bauwirtschaft als einen Akt des Dirigismus ansieht, leidet unter marktwirtschaftlicher Paranoia. Mancher wünscht sich, daß sich die Lohnkosten durch das radikal umgesetzte Prinzip von Angebot und Nachfrage gestalten. Gedacht wird dabei in europäischen Maßstäben, manchmal auch in solchen, die darüber hinausgehen: Wenn Arbeiter bereit sind, für 5 DM in der Stunde aus einem fernen Land anzureisen, unter den Brücken einer Stadt oder im Gebüsch neben den Baustellen zu schlafen, um dann immer noch als wohlhabende Glücksritter in ihre Heimat zurückzukehren, so hält man dies für akzeptabel. Gegen solche Unternehmermentalität, die aus der Anarchie des Arbeitsmarktes kurzfristigen Gewinn schlagen will und die Frage der Konkurrenzfähigkeit einzig durch Lohnkämpfe gelöst sieht, ist der Rückgriff auf ein Mindestmaß geplanter Wirtschaft das einzige Mittel. Wo Wirtschaftsethik in sich selbst regulierenden Systemen versagt, da müssen Regelungen gesetzt werden. Denn eine zügellose Anarchie des Marktes zerstört die Infrastruktur von Wirtschaftsregionen und bürdet der Gesellschaft die Kosten auf, die das erzeugt. Strukturelle Arbeitslosigkeit, die sich wie ein Flächenbrand ausbreitet, verwüstet letztlich auch das Umfeld, für das Niedriglohnunternehmen Bauten errichten. Solcher Wirtschaftsstrategie der verbrannten Erde, bei denen es manche nicht im geringsten interessiert, was nach den einzelnen Auftrag kommt, muß ein Ende bereitet werden. Auch über den August 1997 hinaus. Diese Terminsetzung wird sich als ein Fehler erweisen. Denn sie wird manche Bautätigkeit verzögern, begründet durch die Spekulation auf neue anarchistische Möglichkeiten. Die Mentalität des Wirtschaftsanarchisten ist in wenigen Monaten nicht zu verändern. Seine radikale utilitaristische Ethik - Gut ist, was der Gewinnmaximierung nützt - ist in solchen Zeiträumen nicht der Umorientierung fähig. Es wird sich zeigen, daß diese acht Monate nur eines bewirken: die Wut des Wirtschaftsanarchisten darauf zu steigern, daß ihm nun durch "Planwirtschaft die Hände gebunden sind". Er wird sich nicht einsichtig zeigen, sondern alles unternehmen, um diese Fesseln abzustreifen. Denn was er will, das ist die entfesselte Wirtschaft, bei der mit der einen Hand zerschlagen wird, was die andere aufbaut.


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