Text-Nummer: 0179

Schaltung am: 28.02.97
Rubrik(en): Politik, Wirtschaft
Umfang des Textes in Zeichen: 2998
Verfasser(in): Ulrich Kerner
Originaltitel: Arbeit und Muße
Copyright: Ulrich Kerner

Ulrich Kerner

Arbeit und Muße

Die Sozialversicherungsbeiträge, so prognostiziert das Institut der Deutschen Wirtschaft, werden ohne einschneidende Reform des Sozialversicherungssystems auf über 60 Prozent steigen. Daß dies sowohl für Arbeitnehmer als auch für Arbeitgeber unakzeptabel wäre, liegt auf der Hand. Der Aufschub eines mußevollen Nießbrauchs der erarbeiteten Mittel in eine unsichere Zukunft, immer größerer Verzicht auf jenes Mehr im Arbeitslohn, das nicht der unmittelbaren Existenzsicherung und Reproduktion der Arbeitskraft dient kann nicht mehr hingenommen werden. Die Infragestellung der staatlichen "Vollversorgung" und die Begrenzung der Leistungen von Sozialsystemen auf "wirkliche soziale Probleme", die manche betreiben und fordern, verschieben das Problem indes nur: An die Stelle der progressiv steigenden Abschöpfung des "Mehr" durch staatliche Leistungsträger tritt die noch risikoreichere Anlageplanung des Einzelnen. Private Vorsorge für das Alter treffen zu müssen, wird viele überfordern. Vor Marktveränderungen und damit einhergehenden Angriffen auf individuelle Lebensplanung ist niemand gefeit: Die gegenwärtigen Pläne zur Versteuerung von Kapitallebensversicherungen belegen dies eindringlich. Und wer selbst versucht, sich ein Bild davon zu verschaffen, welche Anlagestrategie zur Sicherung des Lebensstandards im Alter so risikolos wie möglich ist - denn wer Alterssicherheit planen will, ist nicht in erster Linie Spekulant - der wird trotz intensiver Recherche enttäuscht werden: Private Altersvorsorge ist ohne Risiken nicht zu betreiben.
Zudem aber wird durch die Privatisierung der Alterssicherung der Aufwand für jene, die ihn nicht von vornherein verweigern, erheblich: Informationen über Anlagemöglichkeiten und die Beobachtung des Versicherungsmarktes sind Arbeit. Und diese Arbeit hat in den Mußestunden stattzufinden, die einem Arbeitnehmer bleiben, nachdem er seine eigentliche Arbeit eigentlich erbracht hat. Natürlich kann man solche Arbeit auch delegieren - so wie manche heute die Arbeit der Anfertigung einer Steuererklärung delegieren - doch wer bezahlt dafür? Geht es also darum, Aufwände zu bilanzieren, die in Zukunft zur sozialen Sicherung notwendig werden, so gibt es eine ganze Reihe von Posten, die bei der gegenwärtigen Diskussion einfach unter den Tisch fallen. Auf diese Weise werden Mußezeiten von Arbeitnehmern schleichend mehr und mehr der Arbeitszeit zugeschlagen, und zwar in Form von "Überstunden", für die es keinerlei Entgeld gibt. Von Arbeitnehmern "Nachsitzen" zu fordern wenn es um die Verwaltung des Geldes geht, das Ihnen schon nicht mehr gehört, wird zur Selbstverständlichkeit. Nun sollen sie also auch über den Aufschub ihrer Mußezeit in die Zukunft noch selbst Buch führen. In der Tat ist eine grundsätzliche Reform geboten. Doch diese hätte an einer ganz anderen Stelle anzusetzen. An der Frage nämlich, wer sich angesichts der notwendigen und geforderten Arbeit eine sichere Zukunft überhaupt noch leisten kann.


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