Moritz Weber
Stimmt die Kohle wieder? Plädoyer gegen eine Politik der Arbeitslosigkeit und für eine leistungsorientierte Politik.
Aus der Sicht der Kumpel an Rhein und Ruhr scheint für
die nächsten Jahre die Kohle wieder zu stimmen.
Und in der Tat dürfen sie es als einen Sieg feiern,
auch in Zukunft in einem Arbeitsbereich zu arbeiten,
der ihnen und ihren Familien die Existenz sichert.
Das ist gut so. Denn nicht die Arbeitenden sind für
die konzeptionsschwache Politik verantwortlich, die
in den vergangenen Wochen versuchte, mit neoliberalistischer
Radikalität die notwendige Umstrukturierung unserer
Gesellschaft zu überholen. Dennoch gilt es nun,
die Zusammenhänge schonungslos zu benennen, die
Notwendigkeiten aufzuzeigen und vor allem wirksam zu
handeln. Denn auch bei "nur noch" 5,5 Milliarden
DM Subventionen im Jahr 2005 wird die Zeche für
politische Konzeptionslosigkeit von allen gezahlt.
Auch wenn die Kohle bei den einen also wieder stimmt
und bei den anderen zumindest nur noch zur Hälfte
fehlt - und hier sind nicht nur die 45 000 gemeint,
die in den nächsten Jahren ihren Arbeitsplatz
verlieren werden -, gibt es nicht den geringsten Anlaß,
sich selbstgenügsam zurückzulehnen. Denn
während die einen die Ärmel aufkrempeln,
um weiter ihre Familien zu ernähren, sollten die
anderen daran erinnert werden, was es zu leisten gilt.
Diese Leistung besteht darin, Arbeitsplätze fortschreitend
überflüssig zu machen, nicht in der neoliberalistischen
Vernichtung von Arbeitsplätzen, die die Arbeitenden
als Arbeitslose einem Prozeß der materiellen
und geistigen Verelendung überläßt,
der den sozialen Frieden zutiefst gefährdet.
Ein Plädoyer gegen eine Politik der Arbeitslosigkeit
und für eine leistungsorientierte Politik ist
also ein Plädoyer dafür, den wirtschaftlichen
Strukturwandel, der längst in vollem Gange ist,
endlich auch politisch einzuholen. Der neoliberalistische
Kurs ist einer, der versucht, den wirtschaftlichen
zu überholen, und er geht, wie die Gewerkschaften
zu Recht betonen, "über Leichen". Man
kann diesen Kurs aber nicht dadurch bekämpfen,
daß man eine Politik betreibt, an deren Ende
es dem Wirtschaftsprozeß überlassen wird,
die neoliberalistische Politik zu verwirklichen. Auch
wenn dies in ein Konzept paßt, demgemäß
die alten Feindbilder sich als die aktuellen erweisen,
läßt man dem Feind nur Zeit genug, sich
als der zynische und menschenverachtende Korporation
zu erweisen, den man in ihm immer schon sah.
Es gilt zu begreifen, daß Arbeitslosigkeit an
einen gesellschaftlichen Handlungsbegriff und an eine
wirtschaftliche Handlungspraxis gebunden ist, die in
der reinen Bedürfnisbefriedigung das Ideal des
Strebens der Mehrheit sieht. Es gilt zu begreifen,
daß das gegenwärtige Problem nicht allein
die Arbeitslosigkeit ist, sondern daß diese sich
fortschreitend zur Kehrseite des Problems Leistungslosigkeit
entwickelt. In der neuen Gesellschaft, in die der Epoche
machende Wandel wirtschaftlicher Prozesse der Gegenwart
mündet, wird sich zeigen, daß Arbeit und
Leistung nicht mehr in herkömmlicher Weise verstanden
werden können. Man wird sich an ein gesellschaftliches
Mißverständnis erinnern, das in einer Verwechslung
des Arbeitsprozesses mit dem Leistungsprozeß
begründet lag.
Kurz: In der zukünftigen Gesellschaft wird es immer
weniger Arbeitsplätze geben, weil es nicht mehr
in erster Linie um die Befriedigung gesellschaftlicher
Bedürfnisse gehen wird, sondern um die Verwirklichung
gesellschaftlicher Wünsche. Angesicht fortschreitender
Verarmung und auch eines steigenden Elends - nicht
nur in hochindustrialisierten Ländern, sondern
auch in den sogenannten "Entwicklungsländern"
- erscheint diese Prognose vielleicht ebenfalls als
zynisch. Tatsächlich zynisch aber ist eine Politik,
die vor den Widerständen gegen Möglichkeiten
gesellschaftlicher Umstrukturierung kapituliert und
sich resigniert der Unfähigkeit überläßt,
den Mangel angemessen zu verwalten - zugleich aber
von jenen fordert, Leistung zu erbringen, denen nichts
anderes vorschweben kann als die Folgen der Arbeitslosigkeit.
Wer nicht aktiv dazu beiträgt, aus der Notwendigkeit
der Arbeitslosigkeit die Möglichkeiten neuer Leistungen
in einem Prozeß der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen
Erneuerung zu entbinden, der wird von der Gesellschaft
der Zukunft als Reaktionär erinnert werden.
Der Übergang von einer Gesellschaft, in der Arbeitsplätze
als Eigentum und fester Ort und Basis für Lebensgestaltungen
gelten, zu einer Gesellschaft, in der die Position
in Leistungsprozessen über die Verwirklichung
von individuellen und gesellschaftlichen Wünschen
entscheiden wird, stellt das Recht auf Arbeit grundsätzlich
in Frage. Er stellt es deshalb grundsätzlich in
Frage, weil das Recht auf "Mühe" und
"Qual" - nichts anderes bedeutet "Arbeit"
- zur Befriedigung der unmittelbarsten Bedürfnisse,
nichts anderes ist als das Recht, die eigene Arbeitskraft
für den Einsatz an einem "Platz" zu
erhalten und zu reproduzieren, den es so nicht mehr
geben wird.
Andererseits gilt es zu begreifen, daß "Leistung"
- beharrlich einem zu erreichenden Ziel auf der Spur
zu bleiben - nicht nicht von der Arbeit her zu bestimmen
ist. Wenn in der und für die zukünftige Gesellschaft
von "Leistungsprozessen" die Rede ist, so
ist mitnichten das gemeint, was in einer arbeitsorientierten
Wirtschaft unter "Leistungsgesellschaft"
verstanden wird. Es muß begriffen werden, daß
die Revolution der Produktionsverhältnisse längst
begonnen hat und daß die in der herrschenden
Arbeitsgesellschaft immer noch beförderten Verhältnisse
längst zu Fesseln einer neuen gesellschaftlichen
Produktivkraft geworden sind, die mit einem neuen Leistungsbegriff
gemeint ist.
Leistung also nicht von Arbeit her zu bestimmen, sondern
Arbeit von Leistung wird als einfache Wende und Umkehrung
die Folge der gegenwärtigen wirtschaftlichen Revolution
sein. Ihr Ergebnis wird die ethische Forderung einer
Minimalisierung der Lebensarbeitszeit und einer Maximierung
der Kreativität sein, für die Leistung die
Basis bilden wird.
Längst ist die Wirtschaftswissenschaft der der
neuen Gesellschaft auf der Spur - auch wenn sie einen
Mangel an Empirie beklagt. Wie wäre es in Zeiten
des Umbruchs und Anfangs auch anders möglich.
Was in wirtschaftlichen Bereichen der Wirtschaftswissenschaft
noch - in der üblichen Fachsprache - als "inter-
und intraorganisatorische Tendenz zur Schaffung virtueller
Korporationen" gilt, das findet in der Praxis
längst statt: Eine vollkommen neue Leistungskultur
beginnt sich in Unternehmungen zu formieren, die sich
radikal von joint ventures und anderen Kooperationsformen
der Arbeitsgesellschaft unterscheiden. Man muß
die "empirischen" Sicht nur jener Perspektive
akkomodieren, die sich einstellt, wenn die Praxis der
Flexibilisierung der "Arbeitszeit", der leistungsgerechten
Entlohnung, der "Teamarbeit", der Verantwortlichkeit
für die eigene Leistung und vieles mehr als Arbeitsstrukturen
überschreitender Prozeß auftaucht.
Es ist politisch hilflos, eine schwindende Arbeitsmoral
zu beklagen, wenn nicht zugleich in Übereinstimmung
mit einer neuen Leistungsethik gehandelt wird. Deshalb
quälen sich Politiker aller couleur damit herum,
ihre Arbeit zu machen - die sich vor ihren Augen verflüchtigt
-, statt eine Leistung zu erbringen, die dem Prozeß
der neuen Gesellschaft entspricht. Das Sinnbild des
"Aussitzenden" ist nicht zufällig das
des an einem Arbeitsplatz Festhaltenden, den zu besitzen
immer noch als höchstes Gut zu gelten scheint.
Wie aber soll Arbeitsplatzinhabern tatkräftig
evident - sichtbar und einsichtig - gemacht werden,
daß das Verschwinden eines Platzes nicht zugleich
die Tilgung einer Position in einem Prozeß bedeutet,
wenn jene Leitbilder, die die Aufgabe der Politik nicht
ohne Grund als die einer "Repräsentanz"
begreifen, eine Arbeitsmoral verkörpern, die mit
der Leistungsethik einer neuen Gesellschaft so viel
gemein hat, wie der Akkord des Fließbandarbeiters
im Taylorismus mit den offenen Zeitkonten des Mitgliedes
einer Leistungsformation, der gegenüber die Praxis
gegenwärtiger Teamarbeiten einst als erster Schritt
der neuen Gesellschaft erscheinen wird?
Das Problem ist, daß es zur eingesetzt habenden
wirtschaftlichen Revolution keinen politischen Überbau
zu geben scheint, der in der Lage wäre, seine
eigene Verwandlungsnotwendigkeit vorwegzunehmen. Solange
Subventionen dazu dienen, Arbeitsplätze zu simulieren,
solange Einsparungen von Subventionen nicht dazu genutzt
werden, neue Positionen im Leistungsprozeß zu
fördern und die Menschen darauf vorzubereiten,
solche Positionen einnehmen zu können, wird es
bei einer Entwicklung bleiben, die auf eine echte Revolution
hinsteuert, bei der Köpfe rollen werden. Oder
auf kriegerische Auseinandersetzungen, bei denen Produktionsmittel
zerschlagen werden, damit es endlich wieder Arbeit
gibt, damit die unmittelbaren Bedürfnisse der
Menschen befriedigt werden können. Zu keiner Zeit
in der Geschichte gab es eine bessere Chance des Übergangs
aus dem Reich der Notwendigkeit der Arbeit in das Reich
der kreativen Leistung, als in der Gegenwart. Diese
Chance vertan zu haben, wird in den Annalen der Zukunft
als Ausdruck eines dümmlichen Konservatismus verzeichnet
werden, dessen Vertreter sich nicht vom Platz bewegten,
weil sie in Leistung und Kreativität immer noch
eine Gefahr für die Gesellschaft witterten, als
das Vakuum der Arbeitslosigkeit schon implodierte.