Moritz Weber
Arbeit, Dienst und Leistung
Von der Interaktionsgesellschaft als Dienstleistungsgesellschaft
zu sprechen ist üblich geworden. Scheinbar zeigt
sich darin ein wesentliches Unterscheidungsmerkmal
zwischen Industriegesellschaft und Neuer Gesellschaft,
denn in ihr soll nicht mehr die Arbeit der Leistung
dienen, sondern der Dienst, neudeutsch: Service. Doch
die sprachliche Erinnerung an vorindustrielle Tätigkeitsformen
kann der Neuen Gesellschaft nicht ersparen, andere
Worte für das zu finden, was in der nachindustriellen
Leistungsgesellschaft das Neue ist. Das "Servile",
auch "dienernde", das manche Dienstleister
als wichtigen Zug ihrer Dienstleistung zu kultivieren
scheinen, indem sie in vorfeudalistischer, fast sklavischer
Art den Kunden nicht nur zum absolutistischen "König"
sondern auch zum "Gottkaiser" küren,
zeigt die Orientierungslosigkeit in Richtung auf eine
Zukunft, die mehr wäre als Identifikation mit
überkommenen gesellschaftlichen Gewohnheiten.
In Abgrenzung von Selbstüberschätzungen, durch
die sich Industrielle vorrangig als Arbeitgeber, als
Herrscher im Reich der Wirtschaft wähnten, mögen
Anleihen an feudalen Strukturen überlebte Gewohnheiten
stören - ähnlich wie bei Anleihen an klerikalen
Strukturen in Abgrenzung von stalinistischen Überlebseln
während des Zusammenbruchs planwirtschaftlicher
Systeme. Nach Jahrzehnten der Ignorierung der Kundenwünsche,
in denen das industrielle Angebot die Nachfrage bestimmte,
den Kunden als König zu entdecken und als solchen
zu hofieren, mag ein erster Schritt sein - wenn auch
einer zurück. Die neuen Kleider, die die Werbung
dem neuen Souverän in den Anfängen der Dienstleistungsgesellschaft
umhängte, hat dieser längst durchschaut -
auch wenn er, solange er nichts anderes anzuziehen
hat, nach wie vor die Komplimente der Hofschranzen
annimmt, weil sie ihn im Gegensatz zum Aussprechen
der nackten Wahrheit zumindest vorübergehend erwärmen.
Doch die Beschreibung der Aufgabe der Werbung in der
Interaktionsgesellschaft bedarf mehr noch als die der
Produktion von Gütern oder der Leistung von "Diensten"
einer Umwertung des Gewohnten. Die praktische Kritik
der Industriemoral durch vorindustrielle Sitten und
Gebräuche des Dienens wird in der nachindustriellen
Interaktionsgesellschaft als modischer Schickschnack
erscheinen, in dem sich Devotheit - ein vornehmes Wort
für die Vertreterstrategie "Kunden einschleimen"
- als Leistung maskiert. So unschuldig also Worte wie
"Dienst" oder "Service" daherkommen,
sie sind letztlich mit der der Leistungsethik der Interaktionsgesellschaft
unvereinbar. Denn in ihr stehen weder die Ansprüche
eines Auftraggebers noch die eines Auftragnehmers im
Mittelpunkt, sondern die Anforderungen eines Projektes
an die gemeinsame Leistungskraft. Was in der nachindustriellen
Interaktionsgesellschaft das Neue ist, ist also weder
Dienst- noch Serviceleistung, sondern das projektorientierte
Zusammenspiel in Leistungsformationen.
Weder der durch basale Lebensnot gerechtfertigte Zwang
zur industrieller Arbeit noch der moralische Druck,
mit dem der "Dienst am Menschen" in der Dienstleistungsgesellschaft
aufgewertet werden soll, sind geeignet, den "mündigen
Bürger" entstehen zu lassen, dessen gesellschaftliche
Existenz vor allem in politischer Vollmundigkeit gefordert,
wenn nicht unterstellt wird. Der Hinweis darauf, daß
das "Dahinschmelzen" von industrieller Arbeit
(Norbert Blüm) nicht bedeutet, daß es auch
ein Verschwinden der "dienenden Beschäftigungen"
geben muß, in denen Menschen eine "sinnvolle
Tätigkeit" ausüben können, ist
deshalb buchstäblich "scheinheilig",
weil es selten der Sinn ist, der Menschen zu einer
Verausgabung von Leistung veranlaßt. Denn Sinn
ist nicht Anlaß einer Leistung, sondern einer
ihrer Effekte. Wenn der Sinn also überhaupt die
Leistung "heiligt", dann deshalb, weil er
ihr zugesprochen wird. Mit Zuspruch aber werden weder
Arbeitsplätze geschaffen, noch Dienstleistungsstellen,
noch Positionen in Leistungsformationen. Denn was schon
für Arbeit und Dienst galt, das gilt für
Leistung ebenso: Niemand kannn letztlich dazu überedet
werden, und wer sich überreden läßt,
wird schnell bemerken, daß sich die Verausgabungsfähigkeit
von Leistung - gleichgültig ob in überkommener
oder neuer Bedeutung - aus anderen als moralischen
Quellen kräftigt.
Wenn Kumpels an Rhein und Ruhr untereinander über
ihre Tätigkeit sprechen, dann reden sie Tacheles:
Denn sie kommen nicht von der "Arbeit", sondern
von der "Maloche". Ihr Festhalten an den
jiddischen Wörtern ist der sprachliche Protest
gegen eine protestantische Ethik, die sich seit Luthers
Zeiten darum bemüht, Arbeit etwas "Ritterliches"
abzugewinnen, der körperlichen Schinderei einen
anderen, bisweilen gar mystischen Sinn zu geben als
den der Notwendigkeit, die unmittelbarsten Bedürfnisse
zu befriedigen: Hunger und Durst zu stillen, ein Dach
über dem Kopf zu haben und Ruhepausen, um wieder
zu Kräften zu kommen, bevor die Maloche weitergeht.
Wer die Maloche mache, der solle zumindest nicht schief
angesehen werden. Das protestantische Gespür dafür,
daß "nur" zu malochen zwar die Bedürfnisse,
nicht aber weitergehendere Ansprüche, Wünsche
und Begehrungen der Menschen befriedigt, hat zwar nicht
zu weniger Maloche, dafür aber zu ihrer "Aufwertung"
geführt. Seit Luther verliert das Wort "Arbeit"
zunehmend die zuvor mitschwingende Bedeutung einer
"würdelosen Tätigkeit", "unwürdig"
derer, die ihr Brot nicht "im Schweiße ihrer
Nasen" verdienen. So kann das vom Schweiß
getränkte Brot "köstlich" werden,
wie das Leben, das, wenn es denn lange währte
und köstlich war, Mühe und Arbeit gewesen
sei.
Noch heute hält die Arbeitsethik an dieser nützlichen
Wandlung des Arbeitsbegriffs fest: Aus dem, was einst
"schwere körperliche Anstrengung, Mühsal,
Plage" bedeutete, und vielleicht ursprünglich
im Sinne von "verwaist sein, ein zu schwerer körperlicher
Tätigkeit verdingtes Kind sein", die Ausbeutungsmöglichkeit
der Schutz- und Wehrlosen meinte, ist die "zweckmäßige
Beschäftigung" und "das berufliche Tätigsein
des Menschen" geworden. Dabei ist die sogenannte
"Humanisierung der Arbeitswelt", in der die
Arbeit von "menschenunwürdigen" Bedingungen
befreit werden soll, für viele dennoch eine Plackerei
geblieben - und trotz der einen oder anderen sicherlich
entlastenden Verbesserung der Arbeitsbedingungen haftet
diesen nicht selten etwas Ornamentales an, das an das
Wesentliche der Arbeit kaum rührt. Und immer noch
gelten Strukturen, in denen ein zu schwerer körperlicher
oder "geistiger" Arbeit Verdingter als unmündiger
Befehlsempfänger tätig ist, als Garanten
des Fleißes.
Der industrielle Patriarch jedoch, der diejenigen, denen
er "Arbeit gibt" (der "Arbeitgeber"
also), als seine notwendig unmündigen Kinder ansieht,
für die er die Verantwortung zu tragen habe, ist
buchstäblich ein Auslaufmodell. Die Sprache sagt
es deutlich: Er gibt Arbeitenden eine "Beschäftigung".
Die Vorbildlichkeit einer Arbeitsmoral, mit der der
Industrielle der Vergangenheit jene Werte und Tugenden
einer protestantischen Ethik verkörpert, die der
Soziologe Max Weber einst als Ideal der industriellen
Vergesellschaftung beschrieb, ist im Kurse gefallen.
Denn nicht die "fleißige Betriebsamkeit"
(nichts anderes bedeutet "industria" eigentlich)
einer auszubeutenden Arbeit gilt zunehmend als hohes
Gut nachindustrieller Produktionsprozesse, sondern
die erbrachte Leistung. Zugespitzt ließe sich
formulieren: Die Veränderungen in der gegenwärtigen
Wirtschaft zeigen, daß es sich eine Gesellschaft
nicht mehr leisten kann, daß in fleißiger
Betriebsamkeit so getan wird als ob Leistung erbracht
wird, obwohl die Leistungsfähigkeit industrieller
Arbeit kontinuierlich sinkt.
Es gilt also das Verhältnis von "Arbeit"
und "Leistung" neu zu bestimmen, denn der
Prozeß, auf den sich beide Wörter oder Begriffe
beziehen, beginnt sich nicht erst heute zu verändern.
Das Verhältnis von Arbeit und Leistung in Wirtschaftsprozessen
hat sich bereits derart gewandelt, daß eine Besinnung
auf das, was "Arbeit" und "Leistung"
in Gegenwart und Zukunft "bedeuten", weit
mehr ist als "Wortklauberei". Sich früherer
Bedeutungen der Wörter zu erinnern, kann Teil
einer Analyse sein, derer es bedarf, wenn Hemmungsprozesse
sich in Symptome ("Zusammenhänge") einer
Gesellschaft verwandeln, die auf ihrem und in ihrem
Körper austrägt (in Form eines "lebensästheitschen
Universums"), was sie nicht zur Sprache bringen
kann. Die aktuellen Diskussionen über ein neues
"Bündnis für Arbeit" bezeugen eine
Kultur des Appells, in der vor allem Gewerkschaften
und politische Parteien zu einem Handeln aufrufen,
für das vielfach die Worte fehlen.
Dabei zeigt sich deutlich: Arbeit ist zu einem gesellschaftlichen
Symptom geworden, weil im zwanghaften industriellen
Prozeß Antriebe verdrängt und in Arbeitsstrukturen
gebunden wurden, deren Kräfte die nachindustrielle
Gesellschaft nun zu entfesseln wünscht. Doch so
einfach läßt sich "Arbeit" der
Vergangenheit nicht in "Leistung" der Zukunft
verwandeln.
Im Rahmen industrieller Produktionsweisen wurde Leistung
als Effizienz der Arbeit aufgefaßt. In nachindustriellen
Leistungsprozessen ist Arbeit zwar ein Effekt der Produktion,
doch die Effizienz der Leistung liegt jenseits der
Arbeit. Denn ihre Effizienz besteht in der nachindustriellen
Gesellschaft darin, der Arbeit als Maloche ein Ende
zu bereiten.
Dies ist nur zu verstehen, wenn man die neuen Bedeutungen
von "Leistung" und "Arbeit" nicht
abwehrt, die der Auflösungsprozeß der traditionellen
Gesellschaft hervortreibt und befördert. Denn
der "Bedeutungswandel" beider Wörter
wird nicht durch die fleißige Betriebsamkeit
der Begriffsarbeit erarbeitet, sondern zeigt seine
Effizienz in dem, was Sprache hervorbringt, wenn man
es sich leistet, dem Prozeß in ihr auf die Spur
zu kommen.
In der nachindustriellen Leistungsgesellschaft ist "Leistung"
also etwas anderes als in der industriellen Arbeitsgesellschaft.
Worum es sich dreht, würde vielleicht am besten
deutlich, wenn man den Mut aufbrächte, die Neue
Gesellschaft endlich konsequent bei dem Namen zu nennen,
den sie bereits gefunden hat, und sie nicht nur in
Abgrenzung zur sich auflösenden Industriegesellschaft
benennen würde. Denn wenn an die Stelle der Arbeit
in der Industriegesellschaft der Leistungsprozeß
der Neuen Gesellschaft tritt, so ist diese buchstäblich
Informationsgesellschaft, ein in Formationen Gestalt
annehmender Leistungsprozeß, der sich radikal
von einer in Arbeitsplätzen stillgestellten Prozeßgestaltung
unterscheidet.
Nun klingt es einigermaßen blöde, dem Zustand
der "industriell gestalteten Arbeitsgesellschaft"
die "sich in permanenter Formierung befindliche
Leistungsgesellschaft" gegenüberzustellen,
obwohl genau diese Formulierung das Prozessuale gegenüber
dem Zustandshaften betont. Zudem hat sich das Wort
"Information" von seiner einfachen Grundbedeutung
"eine Gestalt geben, formen, bilden" gelöst
und derart stark die Bedeutung von "Nachricht,
Botschaft, Übermittlung" angenommen, daß
auch eine Schreibweise wie "Gesellschaft InFormationen"
sich nur schwer gegen die Lesart "Gesellschaftsinformationen"
behaupten kann. Doch wenn zum Beispiel von "Wirtschaft
InFormationen" die Rede ist, so geht es dabei
nicht um Nachrichten, die über Wirtschaft vermittelt
werden, sondern um die Gestaltung von Wirtschaftsprozessen
selbst, schlicht: um die Form, die Wirtschaft in der
Neuen Gesellschaft annimmt, und zwar als Effekt von
Unternehmensabläufen, denen nicht industrielle
Arbeit wesentlich ist, sondern Leistung in Formationen.
Am Symptom herumzulaborieren und herumzukurieren, statt
die Ursachen zu analysieren und aus der Analyse Konsequenzen
für ein neues Handeln zu ziehen - es ist genau
das, was die politische Therapeutik unternimmt, um
die psychosozialen und ökonomischen Folgen des
Untergangs des industriellen Komplexes, der industriellen
Arbeitsgesellschaft zu "behandeln". In der
Sprache der Medizin werden Rezepte gegen die Arbeitslosigkeit
gefordert, obwohl jeder weiß, daß es keine
gibt. Doch die Solidargemeinschaften sind nicht deshalb
am "Rande der Leistungsfähigkeit" angelangt,
weil für Arbeit und Dienst nicht genug geleistet,
weil nicht "fleißig genug geschafft"
wird. Die Solidargemeinschaften sind deshalb am Rande
der Leistungsunfähigkeit angelangt, weil industriell
betriebene Arbeit und Dienstleistung fortschreitend
gesellschaftlich "ungenießbar" geworden
sind, während zugleich der "Genuß"
von Sozialleistungen darin besteht, die unmittelbaren
Bedürfnisse befriedigen zu können. Soziale
Dienstleistung unter Bedingungen der industriellen
Arbeitsgesellschaft ist die Konsequenz ihrer Beförderung
der Unmündigkeit. So tritt buchstäblich die
gesellschaftliche Fürsorge die Nachfolge der "Fürsorgepflicht"
des industriellen Arbeitgebers an, das Geflecht aus
Vormundschaft, Bevormundung und Unmündigkeit bewahrend,
das die Ethik einer sozialen Marktwirtschaft unterfüttert.
Längst ist Arbeit - als mühsame Abwendung
der Not die unmittelbarsten Lebensbedürfnisse
zu befriedigen - nicht mehr "notwendig".
Der Dienst der Gesellschaft hat diese Bedürfnisbefriedigung
übernommen.
"Leistungsfähig" in diesem Sinne ist
die Solidargemeinschaft nur so lange, bis all das "aufgezehrt"
ist, was in der industriellen Arbeitsgesellschaft dadurch
angehäuft wurde, daß es als Äquivalent
der Mehrarbeit abgeschöpft wurde. Man glaubte,
die Zukunft dadurch sichern zu können, daß
man auf Halde arbeitete, weil man glaubte, die industrielle
Arbeitsgesellschaft sei eine soziologische Konstante.
Während jene belächelt wurden, die seit den
sechziger Jahren die ersten Bedingungen einer nachindustriellen
Gesellschaft beschrieben, schürte man die Illusion
des unbegrenzten industriellen Wachstums, die sich
heute noch in der Sprache der Finanzpolitik findet,
wenn von "Schuldenbergen" die Rede ist. Abgesehen
davon, daß sich in dieser Formulierung der Stolz
jener trotzig hält, die in Anhäufungen eine
Leistung sehen, enthüllt dieses Bild, zu welcher
"Leistung" die industrielle Arbeitsgesellschaft
letztlich fähig war, als es darum ging, Quantität
in Qualität zu verwandeln.
Daß es die industrielle Arbeitsgesellschaft in
der Gegenwart genießt, in den letzten Zügen
zu liegen, ist offensichtlich. Aber während manche
derer, die über die letzten Reserven verfügen,
noch die Parole ausgeben: Bereichert euch ein letztes
Mal, häuft an, es kommen schlechte Zeiten!, wird
eine andere Ethik spürbar. Während die einen
es als moralisch erachten, in den letzten Zisternen
auch noch zu baden, beginnt ein Nießbrauch anderer
Quellen. Dieser (der "Nießbrauch" im
Gegensatz zur "Ausbeutung") wird sich -
falls es den konservativen Verfechtern der Arbeitsgesellschaft
nicht doch noch gelingt, ihr das Wasser abzugraben
- in der leistungsorientierten Interaktionsgesellschaft,
als hoher Wert ihrer Ethik, in einen moralischen Zug
verwandeln. Es wird nämlich ganz schlicht um den
individuellen und gesellschaftlichen Nießbrauch
am Genuß jener Leistung gehen, den die Formationen
der Interaktionsgesellschaft ermöglichen.
Auch das Wort "Formationen" wurde im Rahmen
der Arbeitsgesellschaft besetzt. Hier war es die Kunst,
die in ihren Formationen zeigte, daß eine gemeinsame
produktive Leistung etwas anderes bedeuten kann, als
die "Formierung" der Arbeit zum Heer. Noch
heute wird von "Heer" der Arbeitslosen gesprochen.
Es soll hier zunächst nur behauptet werden, daß
der militärische Komplex eine Funktion der Arbeitsgesellschaft
ist, der ihre Hierarchien und "Stellenpolitik"
auf den Begriff bringt. Es ist noch nicht lange her,
daß die Wirtschaft Tugenden wie Ordnung, Pünktlichkeit,
Disziplin und Gehorsam in den Vordergrund stellte und
daß ihr industrielles Management - unter dem
Schlagwort "Menschenführung" - sich
aus jenen militärischen Bereichen "rekrutierte",
die der Arbeitsgesellschaft als Horte einer gestiefelten
Moral galten. Wenn in der Interaktionsgesellschaft
Tugenden wie Prozeßorientheit, Flexibilität,
Vertrauen und Eigenverantwortlichkeit an die Stelle
moralischer Normen der Arbeitsgesellschaft rücken
und sich das unternehmerische Management von Kreativität
mehr verspricht als von militärischer Sicherheit,
so bekundet das radikale ethische Umorientierungen.
Die Hinweise darauf, daß interaktive Leistungsformationen
nur möglich sind, weil andernorts auf der Welt
malocht wird; daß sich die Interaktionsgesellschaft
nur in den sogenannten hochentwickelten Industriegesellschaften
verwirklicht; daß ethische Umorientierungen der
Luxus einer saturierten Wohlstandsgesellschaft sei:
Alle diese Hinweise verfehlen den radikalen Wandel,
der nicht nur die Arbeitsgesellschaft erfaßt,
sondern auch alle theoretischen Modelle, die die Ontologie
ihrer Arbeitsbedingungen rationalisieren. Jeder radikale
Wandel ist von Ungleichzeitigkeiten begleitet und herrschende
gesellschaftliche Einrichtungen verteidigenen das Gewohnte
mit Zähnen und Klauen gegen das Neue, denunzieren
es als Schein und "Utopie", die Illusionen
und Unrealistisches als mögliche Praxis vorgaukeln.
Was geschieht, das hat Marx, mit Blick auf die Transformationen
in der Geschichte der Arbeitsgesellschaft, ganz einfach
benannt: Die Produktionsverhältnisse werden zu
Fesseln der Produktivkräfte. Für den Übergang
von der Industrie- zur Interaktionsgesellschaft heißt
das: Die Arbeitsverhältnisse werden zu Fesseln
der Leistungskräfte. Sie ersticken Produktivität
und Kreativität durch permanente Verwandlung von
Leistung in Arbeit, in Übereinstimmung mit volkswirtschaftlichen
Rationalisierungen der Prozesse, die sich mit den Kategorien
der traditionellen Volkswirtschaft längst nicht
mehr erfassen lassen.