Patmos
TAGEBUCH EINES FISCHES
(1.Teil der Trilogi)

I

"Licht!" Ein Alptraum. Ich taste nach der Nachttischlampe. Mit den Fingern berühre ich etwas Weiches.
Gequälte Gesichter sehen mich mit ihren leeren Augen an. Sie bewegen ihre zahnlosen Fischmäuler. Sie öffnen und schließen sie. Unentwegt öffnen und schließen sie ihre Mäuler.
Das Licht erhellt mein Zimmer. Oben die Decke, die Tapete an den Wänden, die Tür, der Schrank, alles an seinem Platz und unverändert. Unvermindert, die Angst strömt durch meine Adern. "Aber warum?! Ich sehe mein Zimmer, das traute Bild meines Zimmers hat die Traumbilder ersetzt. Ich bin wach! Wach! Warum die Angst?"
Vielleicht habe ich Fieber?
"Abkühlen", denke ich. "Ich bin schweißgebadet." Ich gehe in die Küche und wasche mein Gesicht mit kaltem Wasser. "Ich bin überhitzt, ich muß mich abkühlen." Ich denke "abkühlen", also denke ich und bin wach. Ich nehme mich und das Zimmer wahr, ich denke und handle planend. Ich kann meine Gedanken und mein Handeln steuern, nur... meinen Schrecken kann ich nicht abschütteln!
Erschöpft falle ich auf einen Küchenstuhl. Langsam läßt der Alpdruck nach. Ich sehe zur Küchenuhr: Punkt sieben.


II

Es ist zwei Uhr nachts. Ich sitze vor meinem Tagebuch und versuche, mich zu erinnern, aber eine Leere fällt meinen Kopf. Ich lese die Aufzeichnung von gestern und weiß, daß ich auch heute vom Alptraum geweckt wurde. Mir sind erneut die gleichen Gedanken wie gestern durch den Kopf gegangen. Ich wusch mein Gesicht und so fort...
Meine Konzentration schwindet. Ich bin gut zwanzig Minuten durch die Wohnung gelaufen und habe verzweifelt mein Gedächtnis wiederzufinden versucht - nichts. Ich weiß nicht, was ich heute oder gestern oder letzte Woche tat. Ich habe keine Erinnerungen an mein Leben, kenne meinen Namen nicht...


III

Um zwei Uhr erlange ich schlagartig mein Bewußtsein. Ich ging vor die Wohnungstür, um vom Namensschild an der Klingel meinen Namen zu erfahren. "Selber" heiße ich, das heißt, ob ich so heiße, ist die Frage. Auf jeden Fall ist das meine Wohnung, die erkenne ich wieder.
Ich habe die ganze Wohnung nach Fotos und Papieren durchsucht und habe nichts gefunden. Ich habe einen Anrufbeantworter entdeckt und ihn angeschaltet.
Es ist gleich halb drei. Als würde sich ein Vorhang vor mir zuziehen...


IV

Ich habe heute einen Anruf erhalten. Der Anrufbeantworter hat das Gespräch aufgezeichnet. Als ich das Gespräch abgehört habe, durchzog mich ein Funke einer Erinnerung wie ein Blitz. Ich habe die Worte wiedererkannt. Es sind meine Worte, ich sprach sie heute, sie sind mir sehr vertraut. Nur, was brachte mich dazu, so etwas zu äußern? Ich bin mir selbst fremd.
Abschrift der Tonbandaufzeichnung:
- Ja?
- Hallo! Hier ist Sylvia.
- Ja?
- Treffen wir uns heute?
- Sylvia! Es ist aus mit uns! Du willst dich mit mir treffen, ja? Mit mir treffen, ja? Du bist hinterlistig und ein vaseliner Arsch voll Scheiße. Du lachst und machst Witze, als sei ich nur ein mißratener Scherz. Sieh dich in acht, die Dinge werden sich ändern..


V

Ich rauche den Joint, den ich auf dem Küchentisch fand. Wenn ich nicht bremsen kann, beschleunige ich. Ich habe nämlich das Gefühl, daß ich langsam durchdrehe, wenn ich nicht vielleicht ohnehin schon verrückt bin. Der Anrufbeantworter hat gleich zweimal das Gespräch mit Sylvia drauf, und zwar wortwörtlich. Das bedeutet, daß ich heute das gleiche Gespräch wie gestern geführt haben muß. Ich mache Witze. Ich sagte zu ihr: "Sieh dich in acht, die Dinge werden sich ändern..", dabei tu ich nichts anderes, als mich zu wiederholen. Und Sylvia, was macht sie? Sie legt auf, ohne sich zu verabschieden, wie immer. Wie immer ohne Schluß. Ohne Schluß, wie ein nicht abgeschlossener Traum: Die Fischmäuler schließen und öffnen sich unaufhörlich. Jeden Morgen steckt mir der Schrecken in den Gliedern. Mit uns wird es nicht mehr weitergehen. Es ist Schluß, Sylvia, aber ich werde dich wiedersehen. Cherchez la femme! Alte Liebe rostet blutig...


VI

Auf dem Küchentisch lag wieder ein Joint. Ich rauche ihn, er hilft mir mich zu erinnern. Am Morgen der Alptraum. Angst! Ich halte meinen Kopf unter fließendes Wasser, weil ich glaube, mich abkühlen zu müssen. Ich sehe zur Küchenuhr: Punkt sieben.
Ich gehe ins Bad und sehe in den Spiegel. Der Schrecken steht mir ins Gesicht geschrieben. Mein Kiefer bewegt sich wie die Kiemen eines Fisches. Ich bin ein Fischunterwasser.
Das Telefon klingelt - es ist Sylvia. Ich sage ihr das Gleiche wie immer. Arsch voller Scheiße! Warum tu ich das? Weiß ich denn nicht in dem Moment, in dem ich mit ihr telefoniere, daß ich ihr das gestern bereits sagte? Merke ich nicht, daß ich den Tag genau so begehe wie tags zuvor und all die Tage davor?


VII

Ich muß mich erinnern! Was geschah heute nach dem Telefonanruf? - Frühstück.
Ich esse jeden Morgen Fisch. Ich gucke in die Gefriertruhe und sehe all die häßlich anzuschauenden Fischgesichter. Ich nehme mir einen und werfe ihn in die Pfanne. Ich kann Fische nicht ausstehen, aber sie schmecken nicht schlecht. Ich esse Fische, weil ich sie alle wegmachen will. Außerdem bringt das Auffressen eine gewisse �berlegenheit zum Ausdruck. Es schädigt sozusagen ihrem Image. Ich meine, der Fisch, er ist danach nicht mehr wiederzuerkennen.
Mir wird schlecht. Ich rauche den Joint, der auf dem Küchentisch bereitliegt.


VIII

Es ist zwei Uhr nachts. Ich habe eine halbe Stunde, bevor es mich ins Bett zwingt, und ich in Schlaf falle. Ich scheue mich fast davor, das Tagebuch weiterzuschreiben, das verrückte Zeugs erschöpft mich, aber es scheint mir die einzige Möglichkeit, herauszufinden, was mit mir geschieht. Ich muß den ganzen Tag wie in Trance sein, nur von zwei Uhr an habe ich eine halbe Stunde lang mein wirkliches Bewußtsein und die Möglichkeit, mich zu erinnern, was ich den Tag lang tat. Die Erinnerungen fallen mir schwer. Ich bin ein Mann ohne Gedächtnis und Vergangenheit, ich habe nur die halbe Stunde lichte Momente, und ich habe mein Tagebuch. Meine Forschungsergebnisse sind niederschmetternd: Jeder Tag wiederholt sich in wesentlichen Punkten: Der Alptraum weckt mich. Schaue ich zur Küchenuhr - ist es Punkt sieben. Ich gehe ins Bad und schaue in den Spiegel. Das Telefon klingelt - es ist Sylvia. Sie legt auf, ohne sich zu verabschieden. Zum Frühstück - Fisch, anschließend rauche ich einen Joint. Ich renne im Zimmer umher und erdenke laufend Welttheorien. Heute entdeckte ich, daß Fisch rückwärts gesprochen Schif heißt, während der eine im Wasser schwimmt, schwimmt das andere nicht im, sondern auf dem Wasser. Das muß so sein. Wäre es umgekehrt, würde das Schiff im Wasser und der Fisch an der Luft ersticken.


IX

Es ist doch wirklich lächerlich, jeden Tag absolut identisch zu wiederholen. Man kann nicht sagen, daß ich darunter leide, schließlich bemerke ich meine Wiederholung während des Tages nicht, aber es wäre doch gelacht, wenn ich nicht aus dieser Wiederholung ausbrechen könnte. Die halbe Stunde Bewußtsein, die mir täglich verbleibt, muß ich nutzen, um die Möglichkeiten einer �nderung des Tagesablaufes auszuloten. Eine halbe Stunde, das ist verdammt wenig Zeit.
Beginne ich mit den Haschgedanken: Sie variieren von Tag zu Tag. Nach dem Frühstück rauche ich einen Joint, und die Gedanken, die mir kommen, sind immer andere. Aber ich befürchte, daß die Wiederholung damit nicht gebrochen ist. Die Wiederholung bezieht sich in diesem Falle nicht auf den Inhalt der Gedanken, sondern besteht darin, daß ich regelmäßig die Angst der Traumbilder durch die Angst der Droge ersetze. Das ist durchaus vorteilhaft, weil verwirrend. Ein bißchen Hasch, ein wenig mehr Angst, erhöhter Blutdruck, Herzklopfen, allgemeine Nervosität, die Dinge geraten in Bewegung und die Gedanken lösen sich von den Bildern, von den verfluchten Fischgesichtern, und booten dann durch geschicktes Rangieren die Angst aus. Aber was bringen diese Erkenntnisse? Vielleicht ist es noch zu früh, Strategien zu entwickeln, die zum Ziel haben, die Wiederholung zu durchbrechen. Meine Rekonstruktion des Tagesablaufes umfaßt gerade die Zeit von sieben Uhr morgens bis zehn oder elf Uhr. Ich muß geplant und rational vorgehen.
Ich entdecke eine Polaroidkamera im Schrank und mache Fotos von mir und der Wohnung, um eventuelle Veränderungen festzuhalten.


X

Es ist wieder zwei Uhr nachts. Ich vermute, daß ich gerade nach Hause gekommen bin. Meine Kleidung ist verschwitzt und riecht nach dem kalten Rauch einer Kneipe. Wenn mich nicht alles täuscht, habe ich den Nachgeschmack von Alkohol im Mund.
Ich bin mit den Polaroids durch die Wohnung gegangen. Alles steht an seinem Platz. Einzige Veränderung: Die Narben auf meinem Arm.
Mein linker Unterarm ist übersät mit hunderten von kleinen, einen Zentimeter langen Narben. Mir wachsen schon fast keine Haare mehr auf dem Arm. Ich vergleiche meinen Unterarm mit dem Foto von gestern Nacht. Es sind neun neue Kratzer hinzugekommen, ganz dünne und feine Risse. Sie sind leicht verschorft und wahrscheinlich erst ein paar Stunden alt. Es sind noch zwei Dutzend weitere Risse zu sehen, die noch nicht allzu alt sein dürften. Die weitere Rekonstruktion des Tages werde ich auf den nächtlichen Ausflug konzentrieren.


XI

Ich bin völlig erschöpft. Es bleiben mir fünf Minuten bis halb drei, dann werde ich im Schlaf versinken.
Die Erinnerungen kommen spärlich. Ich überlege, ob ich den Joint rauchen sollte, den ich auf den Küchentisch legte, als ich nach Hause kam. Er würde mir vielleicht die Arbeit erleichtern.
Ich versuche, mich an meinen nächtlichen Ausflug zu erinnern, aber ich finde keinen Anfang.
Ich nehme ein neues Heft aus meinem Schreibtisch. Auf das Deckblatt zeichne ich Fische. Der Titel, der mir dazu einfüllt, lautet: divers party café. Ich weiß nicht, ob das ein neuer Anfang ist...


XII

Der Puls pocht in meinem Hals. Ich sah eben, wie ein Vorhang riß, und ein Stück Draht meinem Unterarm einen Riß zufügte. Das war heute Abend! Ich muß meine Aufzeichnungen zu meinem nächtlichen Ausflug voranbringen. Ich habe es heute nur auf zwei spärliche Zeilen gebracht: "An der Tür hing ein Plakat, auf dem Fische abgebildet waren. Ich las: >divers party café<, und ich ging auf die Tür zu."


XIII

Es fließt. Ich komme voran. Ich weiß jetzt, wo meine Narben herrühren. Ich verletzte mich an einem Stück Draht. Dieser Draht aber fügte mir nur eine Narbe zu. Ich verstehe nicht, wie auf meinem Arm pro Nacht neun neue Risse hinzukommen.
Ich habe die Vermehrung der Narben mit Hilfe der Polaroidkamera dokumentiert: Pro Nacht neun neue Risse. überschlage ich die Anzahl der Narben auf meinem Arm und teile die Anzahl durch neun, so komme ich auf fünfundvierzig Nächte. Das bedeutet, daß ich seit anderthalb Monaten jeden Tag wie ein und den gleichen Tag erlebe!
Dank meiner Aufzeichnungen ist mir diese Erkenntnis gekommen. So verzweifelt und ohnmächtig ich mich fühle, ich komme voran. Wenn ich mit der Niederschrift der Erinnerungen meiner nächtlichen Ausflüge fertig bin, werde ich weiter sein...


(...)


XVIII

Es ist ein Teufelskreis... ein rotierender Kreis... von jeder Wiederholung, von jeder neuen Umdrehung wird mir fast schlecht... ich wiederhole sogar die Wiederholung!... bis ich beim neunten Mal meine Wohnungstür aufstoße... Nacht für Nacht... Allmächtiger! hab' Erbarmen...


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